Lieblingstonträger
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Montag, 27. März 2017, 00:00 Uhr

HVOB and Winston Marshall - Silk

Der Lieblingstonträger der Woche

Geheuchelt behaglich: Kaum schließt man die Augen und lässt sich vom Klang verschlingen, wird man von einem Schwarm wütender Wespen verfolgt. Ebendies macht das zweite Werk der Wiener so fantastisch.

Auf den ersten Blick - also den auf die Tracklist - wirkt Silk für ein Album eigentümlich: gerade mal sieben Songs sind darauf zu finden. Nichtsdestotrotz kommen solide 34 Minuten zusammen - wären alle Songs also durchschnittliche, radiofreundliche drei Minuten lang, hätte man ein Werk mit gesellschaftskonformen elf Tracks. Damit wären wir schon bei einer der Besonderheiten des Albums: die Künstler lassen sich Zeit mit dem Aufbau. Zwei der Songs, "Torrid Soul" und "Deus" dauern beispielsweise über sieben Minuten, "The Blame Game", "Disguise" und "Hands Away" zwischen fünf und sechs - lediglich bei "Glitter" und "Astra" hatten es die Künstler eilig (die beiden Songs dauern keine zwei Minuten), ohne übereilt zu klingen.

Nicht nur der feine Aufbau beschwert den ein oder anderen Ohrgasmus. Gerade Anna Müllers Stimme ist signifikant für den Klang der Österreicher. Was der Name der Sängerin an Einmaligkeit versäumt (26.700.000 Suchergebnisse in nur 0,27 Sekunden), macht ihre gehauchte, melancholische Stimme millionenfach wett. Auf Silk findet sie außerdem in Winston Marshalls klarem, kraftvoll-verletzlichen Gesang ihr perfektes Gegenstück. Den Briten müsstet ihr eigentlich bestens kennen - zumindest seine Fingerfertigkeit am Banjo, die er normalerweise bei Mumford & Sons unter Beweis stellt. Dieses "Motherfucking Banjo" ist immerhin sowas wie der Protagonist im Aufbau von (jedem (verdammten)) Mumford & Sons Song.



HVOB, beziehungsweise Her Voice Over Boys wurde 2012 von Anna Müller und Paul Wallner gegründet. Es dauerte nicht lange, lediglich ein paar Veröffentlichungen auf Soundcloud, dass Oliver Koletzki auf die beiden aufmerksam wurde und sie unter die Fittiche seines Labels Stil Vor Talent nahm. Nach dem selbstbetitelten Debütalbum (2013) folgte 2015 das kollaborative Konzeptalbum Trialog: Als Komponente zu Visuals der VJs von lichterloh und dem Künstler Clemens Wolf komponierten HVOB ein zehn-trackiges Album. Die jeweiligen Themen wurden aus Vorgehensweisen von Video, Installation und Sound gezogen und beschäftigten sich unter anderem mit Ätzen, Schmelzen, Oxidieren, Mischen und Zerplatzen. Es war nicht das erste Mal, dass das Duo ihr musikalisches Talent mit Visuellem verbunden hat: Im April des gleichen Jahres wurden sie bereits von der Tate Gallery of Modern Art beauftragt, ein ausgestelltes Bild zu vertonen.

Auch damit überrascht HVOB: Trotz ihres großen, künstlerisches Schaffens ist es absurd, wie wenig Aufmerksamkeit der Masse den Künstlern zuteil kommt. Googelt man das neue Album, ist die Ausbeute der Suche geradezu lächerlich. Dabei ist HVOB nur ein erneutes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, österreichische Künstler über Falco, Bilderbuch und Wanda hinaus wahrzunehmen. Gerade im elektronischen Bereich - Silk zeigt das nur zu gut. Deswegen können wir es euch nur ans Herz legen, euch der Musik von HVOB hinzugeben. Auch wenn Melodien und Lyrics so wunderschön sind, dass sie weh tun.


Tracklist: HVOB and Winston Marshall - Silk
01 The Blame Gamehvob silk cover

02 Glitter

03 Torrid Soul

04 Disguise

05 Astra

06 Deus

07 Hands Away

Silk von HVOB wurde am 24. März 2017 via Tragen Records veröffentlicht.