Lieblingstonträger
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Montag, 15. Mai 2017, 00:00 Uhr

Ásgeir - Afterglow

Der Lieblingstonträger der Woche

Eine Reise nach Island kann so billig sein - lediglich um die zehn Euro und 59 Minuten muss man dafür blechen. Weitere Voraussetzungen: Gute Kopfhörer und die Fähigkeit, in Melancholie und Zartheit nicht einzugehen.

Der schüchterne Singer/Songwriter Ásgeir beschäftigt uns schon seit einigen Jahren. Und das nicht nur, weil wir partout nicht wissen, wie man ihn überhaupt ausspricht. Asge-ir, Ausgürsch, Asch-gey-rrrchhhh - zumindest das wissen wir richtig zu sagen: Für alle Nicht-Isländer ist der Name definitiv eine Arschgeige. Aber was soll man da groß sagen, in Island heißen nunmal nicht alle Ingi, Wanja oder Frode, sondern eben auch Hjörleifor, Ljufur, Skarpheoinn oder Ásgeir Trausti Einarsson. Und überhaupt sollte der (irgendwie deutsche) Anspruch, jede Sprache akzentfrei nachplappern zu können, gar nicht so arg stressen. Denn ob Asge-ir, Ausgürsch oder Aus-gey-rsch: Im Vordergrund steht schließlich die Musik, die nicht nur gar magisch die Seele kitzelt, sondern auch noch Bilder im Kopf erschafft, die einem bestens den nächsten Trip nach Island ersparen.

Afterglow einlegen, die Heizung runterdrehen und eine Diashow mit den vorgespeicherten Beispielbildern eines jeden Computers starten - schon habt ihr eure eigene DIY-Island-Reise.
"Unbound" zum Beispiel zeichnet klanglich mit schweren Synths die massive Steinlandschaft Islands nach, während das Falsett bestens die niedrigen Temperaturen der Insel widerspiegelt.



Als Sohn eines Dichters und einer Chorleiterin und mit fünf Geschwistern, die auch alle mindestens ein Instrument spielen, war das Musikmachen für Ásgeir übrigens naheliegend. Im idyllischen Elternhaus umgeben von der mystischen, isländischen Landschaft schreibt er seine Songs, in denen er wiederum die väterlichen Gedichte als Lyrics verwendet. Das alles klingt fast eine Spur zu romantisch, als dass man damit auf Anhieb flächendeckenden Erfolg verbinden würde.
Aber dann gibt es noch den Ásgeir, von dem etwa jeder zehnte (wenn nicht sogar mittlerweile jeder fünfte) Isländer ein Album im Regal stehen hat. Oder im Auto, im CD-Player - so wie Björk. Denn die hat schon 2012 zu Ásgeirs Debütalbum Dýrð í dauðaþögn laut mitgesungen, wenn sie mit ihrer Tochter im Auto herumgefahren ist und hat schließlich auch bei ihrem eigenen Label One Little Indian ein gutes Wort für ihn eingelegt. Dieser wertvolle Kontakt ermöglichte Ásgeir den internationalen Erfolg, als eben jenes Debütalbum von John Grant vom Isländischen ins Englische übersetzt wurde und 2014 als In the Silence weltweit auf den Markt kam.



Das Resultat ist eine neue Henne-oder-Ei-Frage: War es Ágeir, der den momentanen Island-Hype auslöste, oder doch der Island-Hype der Künstler wie Ásgeir auf den Radar vieler, vieler Menschen holte? Verzwickte Sache, eigentlich aber auch egal. Fakt ist: Der, dessen Name nicht genannt werden kann, ist nicht mehr nur in seinem Heimatland ein Superstar. Denn auch hierzulande schafft es Ásgeir problemlos, ausverkaufte Clubkonzerte zu geben, wie zum Beispiel am 13. Mai im Münchner Strom. Dort hat er auch Songs des neuen Albums auf Isländisch performt - obwohl dieses mit einer Ausnahme ("Fennir Yfir") komplett auf Englisch ist. Allerdings überlegt der junge Singer/Songwriter durchaus, Afterglow auch noch auf seiner Muttersprache rauszubringen. Also einfach mal andersrum, wie er es bei seinem Debüt tat. Wäre auf jeden Fall gar nicht mal so blöde. Der Island-Hype trägt die Massen schon darüber hinweg, dass dieses trotzdem gekauft und möglicherweise sogar noch mehr geliebt werden könnte, als die englische Version. Denn seien wir mal ganz kurz ehrlich: Reime wie "Afterglow, afterglow / Afterglow, magic show", beziehungsweise "Glow, it's a glow / Glow, it's a magic show" klingen weniger stupide, wenn man sie einfach nicht mehr versteht und der wunderbar zarte Gesang in Symbiose mit Klavier die Ohren runtergeht wie Brennevín (dies ist das erste Ergebnis, wenn man in die Suchmachine "Island Nationalgetränk" reinhaut).

Und damit seid ihr mit einem herzlichen Skál entlassen. Klicket, höret und lasset euch vom Klang verschlingen.



Tracklist: Ásgeir - Afterglow
asgeir cover
01. Afterglow

02. Unbound

03. Stardust

04. Here Comes The Wave In

05. Underneath It

06. Nothing

07. I Know You Know

08. Dreaming

09. New Day

10. Fennir Yfir

11. Hold


Afterglow von Ásgeir wurde am 05. Mai 2017 via Embassy of Music veröffentlicht.



Bildquelle: Albumcover Afterglow | Embassy of Music