Lieblingstonträger
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Montag, 16. Oktober 2017, 00:00 Uhr

Kettcar - Ich vs. Wir

Der Lieblingstonträger der Woche

Es gibt sie ja doch noch, die Alben deutscher Künstler, die wegen ihrer Lyrik auch prima rein schriftlich und ohne Melodie funktionieren würden. Kettcar beweisen es mit ihrem fünften Werk.

Viele Fans hatten ja befürchtet, mit Kettcar wär's aus gewesen, für immer und ewig. Nicht wegen der fünf Jahre, die mittlerweile seit dem letzten Album Zwischen den Runden vergangen sind, sondern auch wegen der Ankündigung aus 2013, eine längere Pause zu nehmen. Doch zumindest diejenigen, die Bands gerne auf den Frontmann reduzieren, hatten gar nicht mal so harte fünf Jahre, immerhin veröffentlichte Marcus Wiebusch 2014 sein Solo-Debütalbum Konfetti, das man - wenn man es nicht besser wissen würde - klanglich auch gut als Kettcar-Album vertreiben könnte. Manchmal fällt der Sänger eben doch nicht soweit von der Band.

Nun finden wir uns wieder im Jahre 2017 - einer Zeit gesellschaftlicher und politischer Unbequemlichkeit. Gefühlsfixiert ist damit also auch in der Musik fast von Vorgestern. Das ist auch an Kettcar nicht vorbei gegangen: Mit ihrem neuen Album stehen sie genauso sehr in ihren Fußstapfen, wie daneben. Musikalisch knüpfen die fünf an den altbewährten Kettcar-Sound an und auch ihre Texte sind gewohnt nachdenklich. Doch im Gegensatz zu den Vorgängern ist das fünfte Album weitaus politischer - was nicht bei jedem gut ankommt, beziehungsweise als sinnvoll bewertet wird. So moniert beispielsweise Daniel Gerhardt pointiert in der Zeit:

Kettcar gelten als gutes Gewissen der deutschen Einmischmusik, und 'Sommer '89' ist ein Song für ihre linksalternative Blase. [...] Ein generelles Problem für den sendungsbewussten Pop des Landes: Meistens reicht es für die Schulterklopfer der Weggefährten und bereits Bekehrten. Darüber hinaus fehlt jedoch die Strahlkraft.

Nicht falsch. Andererseits: Besser als überhaupt nichts zu sagen, oder? Und sowieso besser als banaler "Menschen, Leben, Tanzen, Welt" Irrsinn.



Auf Ich vs. Wir findet sich nicht nur Kritik den Anderen gegenüber, sondern durchaus auch Songs, bei denen man sein eigenes Dasein lieber nochmal von oben bis unten durchdenkt.
Auch die üblichen Themen Kettcars, also Hoffnung, Liebe, Hoffnung auf Liebe und das Scheitern und Entfremden von Liebespaaren wird hier politisiert, gerade im Song "Mannschaftsaufstellung":

Und als wir gemeinsam vor dem Radio saßen, die Aufstellung hörten, unser Abendbrot aßen, nahmst du meine Hand und sagtest: ‚Liebling, ich bin gegen Deutschland'.
Schade, dass die Melodien auf Ich vs. Wir neben den starken Lyrics eher nebensächlich sind. Denn auch in Sache Klangvielfalt machen die Hamburger alles richtig: üppige Hymnen, treibende Gitarrenriffs, ebenso wie sanftere Songs gibt es zu hören. Ich vs. Wir macht also auch Spaß - beziehungsweise macht gerade dann Spaß, sobald die Texte verinnerlicht und auswendig gelernt sind. So wird das Album weder an thematischer Relevanz schnell verlieren, noch klanglich langweilig.

Ich vs. Wir - eine Platte für die Ewigkeit.

Tracklist: Kettcar - Ich vs. Wir01. Ankunftshallekettcar ichvswir cover

02. Wagenburg

03. Benzin und Kartoffelchips

04. Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)

05. Die Straßen unseres Viertels

06. Auf den billigen Plätzen

07. Trostbrücke Süd

08. Mannschaftsaufstellung

09. Das Gegenteil der Angst

10. Mit der Stimme eines Irren

11. Den Revolver entsichern


Ich vs. Wir von Kettcar wurde am 13. September 2017 via Grand Hotel Van Cleef veröffentlicht.


Bildquelle Titelbild: Cover Ich vs. Wir | Grand Hotel Van Cleef
Bildquelle Slider: Kettcar | Andreas Hornoff