Lieblingstonträger
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Montag, 13. November 2017, 00:00 Uhr

Dillon - Kind

Der Lieblingstonträger der Woche

Am Anfang steht das Ende das wieder zum Anfang wird: Auf ihrem dritten Studioalbum durchbricht Dominique Dillon de Byington den Zwang des Todes und erwächst stetig in sich neu.



Kind ging der gebürtigen Brasilianerin leichter von der Seele als das Vorgängeralbum The Unknown aus 2014. Letzteres war geprägt von tiefgreifender, erschöpfender Selbstreflektion und einer Schreibblockade, die mit der langen Tour nach ihres Debüts The SIlence Kills (2011) einherging. Im Fokus, beziehungsweise als unumgängliches Ende, steht nicht mehr das ewige Schwarz, sondern vielmehr der ewige Wachstum: Auf Kind beschreibt die in Köln aufgewachsene, aber mittlerweile in Berlin lebende Künstlerin die Metamorphose eines Heranwachsenden - diese Odyssee ist jedoch nicht endlich, sondern als unendlicher Kreislauf dargestellt.

In dem Sinne beginnt Kind mit dem Titelsong, mit welchem Dillon Assoziationen zu Doris Days "Que Sera, Sera" weckt indem sie fragt: "How tall will I grow?", woraufhin der männliche Duettpartner antwortet: "Only time will show" - was übrigens eine absolute Premiere von Dillons ist: Kollaborationen. In diesem Fall überrascht Dirk von Lowtzow als unglaublich passendes Gesangsgegenstück. Dillon lernte den Frontmann von Tocotronic 2010 kennen, als sie die Konzertabende der Band als Support eröffnete. Seitdem pflegen Lowtzow und Dillon eine enge Freundschaft, sodass er gar nicht nein sagen konnte, als die Künstlerin ihn anfragte.
Die folgenden zwei Tracks "Stem & Leaf" und "Shades Fade" geben sich gewohnt dillonesque einfühlsam, bedacht und melancholisch. Noch einen drauf setzt das zart betonte "Lullaby", das mit bedächtig gedrückten Tasten voll und ganz seine Bestimmung erfüllt und den Hörer bereits nach einer Minute einlullt - bis ihn dann plötzlich etwas aufhorchen lässt: Dillon spricht auf Deutsch und weckt damit (zumindest in unseren Gefilden) ein besonders intimes Gefühl - ein sehr mütterliches, geborgenes. "Schlaf ein, schlaf ein": Mmhmm, sanft wie ein Schatten benebelt der Song Hirn und Herz. "Lullaby" ist übrigens ein Track, der ihr selbst bei Einschlafproblemen hilft: In unangenehm wachen Nachtstunden singt sie sich das Schlaflied mit Erfolg selbst vor.

Mit "Te Procuro" und "The Present" haben es zwei spontane Lo-Fi-Handy-Aufnahmen auf das sonst fein durchproduzierte Album geschafft - handfeste Indizien für den verminderten Druck auf sich selbst seitens der Perfektionistin. Andererseits verbirgt sich dahinter auch eine Art Realitätscheck: Dillon klingt dort roh und echt - einfach persönlich. Ersterer der beiden Songs ist auf brasilianischem Portugiesisch, Dillons Muttersprache, und heißt übersetzt "Ich suche dich". Die Lo-Fi-Qualität gibt dem Track eine vertraute Wärme, wie man sie vom Klang von Plattenspielern kennt. Auf "The Present" wiederum hört man im Hintergrund die Vögel zwitschern, dass prompt Bilder im Kopf einer am Fenster sitzenden Dillon entstehen, die mit den Füßen aus dem Fenster baumelnd in ihr Handy singt, während ihre Stimme im Innenhof leicht widerhallt. Am Ende des Songs hören wir sogar noch ihre Finger um die Hülle des Aufnahmegeräts fuchteln, bevor das Stop-Geräusch ertönt. Nicht nur echt, sondern auch so nah.

"Regular Moments" markiert eine charakterliche Veränderung des Tonträgers. Der Song ist treibender und mächtiger, mit prägnanten Beats und epochalen Akkorden. Die Geschwindigkeit kann "Contact Us" zunächst nicht halten, erst im Verlauf nimmt der Rhythmus an Fahrt auf, mit ihm die Intensität, die zu Beginn lediglich pointiert war. Wenn man jetzt nicht aufpasst, verpasst man schon den nächsten Track, denn genauso wie von "Stem & Leaf" zu "Shades Fade" zu "Lullaby" und von "The Procuro" zu "The Present" setzt "Killing Time" direkt beim Vorgängertrack an. Das ganze Album ist damit fast nahtlos wie ein einziges Mixtape aufgebaut.

Mit dem letzten Track, "2. Kind" (der übrigens einen wahnsinnigen Aufbau hat und geradezu technoid wird), macht Dillon eine Referenz zum Beginn des Albums und festigt die Doppeldeutigkeit des Titels: Sowohl das englische "kind" (freundlich), als auch das deutsche Kind passen zur Thematik. Das eine hebt die so notwendige, ewig promotenswerte Tugend hervor, das andere die Metapher des Erwachsens: Auf Kind steht und fällt, beziehungsweise erneuert sich stets alles. Ein ewiger Kreislauf - womit wir an dieser Stelle auch wieder am Anfang wären.


Tracklist: Dillon - Kind01 Kinddillon kind cover

02 Stem & Leaf

03 Shades Fade

04 Lullaby

05 Te Procuro

06 The Present

07 Regular Movements

08 Contact Us

09 Killing Time

10 2. Kind


Kind von Dillon wurde am 10. November 2017 via PIAS / Indigo veröffentlicht.


Bildquelle Titelbild: Cover Kind | PIAS/Indigo