Lieblingstonträger
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Montag, 01. Juni 2015, 00:00 Uhr

Jamie xx - In Colour

Unser Lieblingstonträger der Woche

Jamie xx müsste mit einem Solo-Debütalbum eigentlich gar nicht beweisen, dass er nicht nur der einfache Beatbastler The xx ist. Jeder der ihn schon mal live gesehen hat, weiß das. Er tut es aber trotzdem - und begeistert.

Bereits 2014 gingen die Munkeleien um ein erstes Solo-Album von Jamie xx los. Damals veröffentlichte er auch schon ein paar Songs, von denen es "Girl" und "Sleep Sound" auch auf In Colour geschafft haben.



Für "Sleep Sound" wurde ein wahnsinnig rührendes Video gedreht, das damals richtig viral ging: 13 taube Mitglieder des Manchester Deaf Zentrums bewegen sich zu den Schwingungen, die vom Bass des Songs durch die Luft getragen werden. Inspiriert wurde Jamie xx im Zug, wie er gegenüber Nowness erzählt:

I was on a train listening to music, getting deep into it, and this girl started staring at me. After a while I took my headphones off and she came up to me, started signing and then wrote me a note to say that she was deaf but could almost feel the music by my movement. 

Die Künstlerin Sofia Mattioli, die Jamies Inspiration als Video verwirklicht hat, sagt dazu:


The relationship between silence and music is a big part of what I am trying to express with my work.


Im Juni 2014 wurde "All Under One Roof Raving" veröffentlicht und ist eine Hommage an die Rave-Szene Großbritanniens. Jamie xx sampelt darin Ausschnitte von "Fiorucci Made Me Hardcore", einem Kunstkurzfilm von Mark Leckey. Der Track ist ein echtes Schmuckstück, das es aus ominösen Gründen allerdings nicht aufs Album geschafft hat. Doch wie dem auch sei: Wir sind für mehr Steel Pans im UK Rave!



Steel Pan ähnliche Klänge - nur ein wenig elektronischer - bekommen wir auch in "Obvs" zu hören, einem fast noch stärkeren Track als "All Under One Roof Raving". Nach Südsee klingt auch "I Know There's Gonna Be Good (Good Times)", der erst vor Kurzem veröffentlicht wurde und von Young Thug und dem Jamaikaner Popcaan gefeaturt wird und einen recht Gospel-, R'n'B-lastigen Klang hat. Zugegeben: nicht jedermanns Sache.Danach kommt "The Rest is Noise" mit seinem Piano-Motiv und dem Drum'n'Bass Beat auf jeden Fall noch besser.



Neben karibischen Klängen bedient sich Jamie xx allerdings auch noch frei an allerlei Field-Recordings, wie etwa auch Polizei-Sirenen im bereits erwähnten Track "The Rest Is Noise". Die Aufzeichnungen benutzt er nicht nur als Klangdeko, sondern regelrecht als Instrument: fast nahtlos verschmelzen die fremden Elemente mit der Melodie der Tracks und wirken so wie ein glattes Notengewand. Ein gutes Beispiel hierfür wäre auch "Hold Tight". Oder eben "Loud Places", der im März in Annie Macs BBC Radio 1 Show zusammen mit "Gosh" erstmals präsentiert wurde. Ersterer wird von Romy Madley Croft (Bandkollegin von The xx) gefeaturet. Gegenüber Annie Mac erzählt Jamie, "Loud Places" wollte wegen des Samples nie so wirklich zum Rest des Albums passen. Mittlerweile fügt sich der Track perfekt in den restlichen Klang ein und, so findet auch die Moderatorin, habe auch durchaus das Potential dazu, eine Art Festivalhymne zu werden.


"Gosh" leitet In Colour ein und klingt - wahnsinnig interessant. Im Ernst, das ist wohl die beste Beschreibung, die man in diesem Fall liefern kann. Zunächst ist der Track etwas verstörend. Irgendwie fühlt man sich an diesen einen Abend erinnert, an dem man einen Kumpel in Leipzig besucht und der einen in irgendein Fabrikgewölbe am Rande der Innenstadt bringt, auf die abgefahrensten Noise-, Techno-, Rave-Party eines Lebens. Man ist so überfordert, mit all den Gestalten, die da abhängen: Cyber-Punks, Steam-Punks, nackte Pet-Player und Gothics. Die Musik rückt ins hintere Bewusstsein, der schnelle Beat verblasst zu einem Nebengeräusch, ganz so, als würde man die Klänge lediglich von Außen hören.

Ab 2:22 tut sich ub "Gosh" allerdings was, ein Klang drängt sich in das Konstrukt und baut sich stetig auf, bis daraus eine ganze Melodie wird. Schön - und echte musikalische Kunst.



Zur Veröffentlichung der Tracklist hatte sich Jamie xx übrigens was ganz raffiniertes überlegt: Im März veröffentlichte er diese komplette via Instagram. Dazu postete er 24 Farben mit ihrem jeweiligen Farb-Code gehashtagt. Hinter einigen Hashtags verbargen sich dann Titel des Albums. Et voilà:

Tracklist: Jamie xx - In Colour

01 Goshjamiexx incolour cover

02 Sleep Sound

03 Seesaw [feat. Romy]

04 Obvs

05 Just Saying

06 Stranger in a Room [feat. Oliver Sim]

07 Hold Tight

08 Loud Places [feat. Romy]

09 I Know There's Gonna Be (Good Times) [feat. Young Thug and Popcaan]

10 The Rest Is Noise

11 Girl


Im Ganzen betrachtet ist In Colour ein Album, das ihr 2015 unbedingt gehört haben solltet. Weil Jamie xx immer noch ein Beatfrickler und kein Musiker für Massentauglichkeit ist, wird es leider trotzdem nicht so viel Aufmerksam bekommen, wie es das Album eigentlich verdienen würde. Es klingt vielseitig und unprätentiös - unserer Meinung nach. Nun gehet und bildet eure eigene.

In Colour von Jamie xx wurde am 29. Mai 2015 via Young Turks veröffentlicht.