Lieblingstonträger
nina-revisited_cover
Montag, 29. Juni 2015, 00:00 Uhr

Nina Revisited: A Tribute to Nina Simone

Der Lieblingstonträger der Woche

Eine der größten Jazz- und Bluesikonen, Nina Simone, bekommt mal wieder ein ordentliches Best Of, mit all ihren Klassikern: "Sinnerman", "My Baby Just Cares For Me" und "I Wish I Knew How It Would Feel to Be Free ". Dabei hört man von ihr allerdings herzlich wenig auf der Platte.

Besungen wird die Platte nämlich von anderen Künstlern, unter anderem Ms. Lauryn Hill, die die Platte sogar co-produzierte, Gregory Porter und Ninas Tochter Lisa Simone. Lediglich "I Wish I Knew How It Would Feel to Be Free" - der letzte Song auf der Platte - wird von der Königin gesungen.



Aus den Tiefen ihres Herzens sang sie über Liebe, Schmerz, Verlust, kämpfte für das Recht und war wohl überhaupt eine der abgefahrensten Persönlichkeiten, die die Erde kennenlernen durfte. Grund dafür war sicherlich zum großen Teil ihre bipolare Störung: Jetzt euphorisch, in der nächsten Sekunde tiefst depressiv, stark und doch so verletzlich, sie setzte sich für Bürgerrechte ein und schießt gleichzeitig Menschen an - einmal ein Nachbarskind, das zu laut im Garten gelacht und somit Ninas Konzentration gestört hat und kurze Zeit später den Geschäftsführer, den Simone verdächtigte, Lizenzgebühren unterschlagen zu haben. Nina Simone - wie soll man sie beschreiben. Man kann sie eigentlich nur bewundern, naja, bis auf den Teil, wo sie eben wild um sich schießt. Man schießt nicht einfach wild um sich, das ist nicht richtig. Aber sonst: ja. Nina Simone ist bis heute noch eine der bewunderungswürdigsten Sängerinnen.

Eine Femme Fatale par excellence, die mal ein Verhältnis mit dem karibischen Staatsmann Errol Barrow hatte. Eine Künstlerin, die eigentlich sogar nur stupide Musik machen wollte, aber einfach nicht anders konnte, als all ihre Gefühle nahezu ungefiltert in die Musik zu legen. Eine Heldin, die sich wahnsinnig für die Rechte anderer eingesetzt hat. Was sie auch tat, sie tat es unter Strom, weswegen sie mit ihrem politischen Aktivismus einen deutlichen Kontrast zu Martin Luther King bildete. 1963 performte sie beim Selma-to-Montgomery Protestmarsch wutentbrannt "Mississippi Goddam".



Ihre Wut rührte aus dem Bombenattentat, bei dem vier schwarze Kinder ums Leben gekommen sind. Simone hat sich dem Kampf gegen Rassismus verschrieben, hat dort mindestens genauso viel Energie hineingesteckt wie in ihre Musik. Sie selbst erfuhr zahlreiche Diskriminierungen, unter anderem wurden ihre Eltern bei einem Schulkonzert aufgrund ihrer Hautfarbe gezwungen, sich in die letzte Reihe zu setzen. Und dass sie am Curtis Institute of Music in Philadelphia nicht angenommen wurde, führt sie ebenfalls auf ihre Hautfarbe zurück.

Anfang der 70er verlässt Nina Simone Amerika. Die Behörden waren wegen Steuerhinterziehung an ihr dran, wollten sie in den Knast bringen. Auch hier ahnte sie rassistische Gründe. Über Lybien reiste sie nach Europa, nach ein paar Stops unter anderem in Holland und England ließ sie sich schließlich in Frankreich nieder. Dort hatte sie es - obgleich schon weltweit bekannt und erfolgreich - erst mal nicht so leicht. Sie sang in kleineren Cafés, machte am Tag manchmal nicht mehr als hundert Dollar klar. Kaum einer dachte, dass es tatsächlich DIE Nina Simone wäre, die da auftritt, warum also hingehen. Freilich war ihr Talent zu der Zeit auch etwas angeschlagen. Ihr eigener Erfolg und der daraus resultierende, steigende Druck hat sie auf die Knie gezwungen, körperlich und psychisch war sie kaputt, hinzu kam der hohe Pillenkonsum (laut eigenen Aussagen eine weiße Pille zum Einschlafen, eine gelbe zum Spielen). Ihre Tochter, Lisa Simone, sagte mal, dass sie ab dieser Phase einige Noten nie mehr gesungen hat - singen konnte.

Netflix hat gerade eine neue Doku rausgebracht, What Happened, Miss Simone?, die mit ungesehenem Archivmaterial das Bild von Nina Simone erweitert und die Person, die dahinter steckt, etwas besser vorstellt. Man erfährt zum Beispiel, dass sie mal neben dem Bürgerrechtler Malcom X gewohnt hat. Ha, Sachen gibt's.



Und im Zuge jener Doku wurde nun die Compilation Nina Revisited: A Tribute to Nina Simone produziert. Darauf singt sie, wie bereits erwähnt, allerdings nicht besonders viel. Den Großteil übernimmt Ms. Lauryn Hill, die insgesamt sechs Songs singt, unter anderem "Feeling Good" und "Black Is the Color of my True Love's Hair".





Gregory Porter interpretiert "Sinnerman" und Lisa Simone "I Want A Little Sugar In My Bowl". Auch Songs, die Nina Simone selbst coverte, wie etwa "Ne Me Quitte Pas" von Jacques Brel, "I Put a Spell on You" von Screamin' Jay Hawkins und "Here Comes the Sun" von den Beatles werden nochmal gecovert.

Ja, an dieser Stelle sollte vielleicht noch ganz kurz erwähnt werden, dass auch Usher an der Compilation beteiligt ist und den Song "My Baby Just Cares For Me" covert. In diesem Sinne: Peace Up, A-Town.

Tracklist: Nina Revisited: A Tribute to Nina Simone
nina-revisited01 My Mama Could Sing (Intro) von Lisa Simone

02 Feeling Good von Ms. Lauryn Hill

03 I've Got Life (Version) von Ms. Lauryn Hill

04 Ne Me Quitte Pas von Ms. Lauryn Hill

05 Baltimore von Jazmine Sullivan

06 Love Me Or Leave Me von Grace

07 My Baby Just Cares For Me von Usher

08 Don't Let Me Be Misunderstood von Mary J. Blige

09 Sinnerman von Gregory Porter

10 We Are Young Gifted & Black von Common & Lalah Hathaway

11 I Put A Spell On You von Alice Smith

12 I Want A Little Sugar In My Bowl von Lisa Simone

13 Black Is the Color of My True Love's Hair von Ms. Lauryn Hill

14 Wild Is The Wind von Ms. Lauryn Hill

15 African Mailman (Instrumental) von Ms. Lauryn Hill

16 I Wish I Knew How It Would Feel to Be Free von Nina Simone


►Nina Revisited: A Tribute to Nina Simone wird am 10. Juli via RCA Records veröffentlicht.