Lieblingstonträger
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Montag, 30. November 2015, 00:00 Uhr

Fraktus - Welcome To The Internet

Der Lieblingstonträger der Woche

Die Achtziger sind die Geburtsstunde des Techno, welcher der Legende nach aus Fraktus' Lenden entstanden ist. Witzig, denn die Band hat es nie gegeben - was sie nicht davon abhält, nun ihr zweites Album zu veröffentlichen.

Ohne Fraktus keinen H.P.Baxxter, ohne Fraktus kein Techno, ohne Fraktus keine musikalischen Vorbilder in den 80er Jahren. Weil es die Band allerdings erst seit 2012 gibt, veröffentlichen sie jetzt jene Alben, die damals die deutsche Musikgeschichte auf den Kopf gestellt haben.
So kann man an Welcome to the Internet wirklich auf jedem Titel hören, wie sehr sie Künstler wie Deichkind und Kraftwerk inspiriert und beeinflusst haben. So gut wie jeder Deichkind-Song ist eine Kopie von "Saugetücher" und auch "Roboter" von Kraftwerk ist lediglich ein Abklatsch von Fraktus' "Musik aus Strom" - auch wenn Kraftwerk bereits in den 70ern groß war, wenn wir aber hier schon so munter beim Verdrehen von Tatsachen sind, ist das jetzt auch vollkommen egal.



Die Band wurde in den 80ern von drei sehr unterschiedlichen Künstlern gegründet: Dickie Starshine, Bernd "Bernd" Wand und Torsten Bage (augesprochen "Bäätsch"). Sie hatten Erfolg, großen Erfolg. Fraktus waren nämlich die Vorbilder des Technos in Deutschland. Aber so erfolgreich das Trio war, so schnell verschwanden sie plötzlich von der Bildfläche - 25 Jahre hörte man nichts von der Band.
In der Dokumentation Fraktus - das letzte Kapitel der Musikgeschichte, die 2012 veröffentlicht wurde, begibt sich Musikproduzent Roger Dettner auf die Suche nach den ehemaligen Mitgliedern Dickie, Bernd und Torsten. Die finden sich in Hamburg, Brunsbüttel und auf Ibiza wieder. Roger versöhnt das Trio und schleppt sie zurück ins Studio, wo das große Comeback geplant wird.



Hinter Fraktus steckt das Hamburger Künstlerkollektiv Studio Braun, das sich gerade mit seinen Telefonstreichen einen Namen gemacht hat. Rocko Schamoni spielt bei Fraktus die Rolle des Dickie Starshine, Jacques Palminger ist Bernd "Bernd" Wand und Heinz Strunk ist Torsten Bage. Los mit der Farse ging es auf dem Melt! Festival vor einigen Jahren, wo die Band mitten im Set von Jan Delay ein Comeback feierte, um die Ausschnitte für den Film zu benutzen.
Passend zum Kinostart wurde damals auch das Debütalbum Millennium Edition veröffentlicht, auf dem unter anderem der Track "Affe sucht Liebe" drauf war.



Im Vergleich zum Vorgänger ist Welcome to the Internet weit futurischer. Es findet sich eine Mischung aus Falco, Kraftwerk, Panflöte, Shanti-Musik und dem Besten aus 70s, 80s und 90s - nur einer der Gründe, die Platte zu kaufen, kaufen, kaufen.
Zudem gibt es nämlich noch einige neue Erkenntnisse und historische Nachhilfe: Wusstet ihr, dass das Internet von Dickie Starshine erfunden wurde? Mehr dazu hier:



"Saugetücher" erinnert stark an Deichkind: Die Synths sind fett und schwer, quirlen sich ins Hirn rein, das Keyboard sorgt für ordentliches 90s-Feeling und wieder: eine Panflöte kommt zum Einsatz. Die kennen wir übrigens schon aus der Vorgängerplatte vom Song "Horses of Fantasy". Auf Welcome to the Internet zieht sie sich wie roter Faden durch, wie etwa auf "Schuhe aus Glas", das sonst ein perfektes Exempel der NDW darstellt. "Maler und Lackierer" könnte mit seinen 8-Bit-Klangelementen prima der Soundtrack für ein gleichnamiges Retro-Spiel sein. "Mary Poppins" wird von Bernd "Bernd" Wand gesungen und hat einen unglaublichen Drive. "Originals" treibt an den Rande des Wahnsinns: Tagelang setzt sich das echohafte "Haaaaallo" im Hirn fest, bis man das Gefühl hat, als einsamer Hirte auf der Spitze seines leeren Bewusstseins zu stehen - wer da? Nein. Auch gut.
Welcome to the Internet - das ist Erleuchtung. Das ist Bewusstseinserweiterung. Wir sind vollkommen andere Menschen durch die Platte geworden. Auch "Jeder gegen jeden" liefert neue Erkenntnis - obwohl sie so neu eigentlich gar nicht ist. Es scheint schlichtweg, dass Fraktus es nur noch mal aussprechen mussten. Wahnsinn. Wir können nicht fassen, wie dumm und ignorant wir vor Welcome to the Internet waren.

In "Let the Puppets Dance (Cool wie N.Y.)" stellen Fraktus unserer Amüsement-süchtigen und Pop-verseuchten Gesellschaft den Spiegel vors Gesicht - hier ließe sich wunderbar auf Houellebecqs Diskurs zum Feiern zu sprechen kommen: "Das Ziel der Feier ist es, uns vergessen zu machen, dass wir einsam, elend und dem Tode geweiht sind." Und ah! Notiz an uns selbst: Nagellack "Havanna Blue" sobald wie möglich im Drogeriemarkt besorgen.
Auf "White Dinner" führen uns Fraktus zum Elektro-Boogie aus - aber Obacht, eingeladen sind "No losers, just winners". Warum eigentlich auch nicht. Nachdem wir mit diesem Track schon beim Vorletzten vom Album angekommen sind und wir so einiges gehört haben, überrascht uns auch diese Fusion aus dicken Synths, Boogie und Lasern nicht mehr.
Der letzte Song "Freunde sind Friends" appelliert an unsere virtuelle Persönlichkeit:

Freunde sind Friends und friends sind Freunde. Freunde sind Friends - du musst sie liken. Zeige ihnen dein Smiley-Icon. Zusammen, together, für immer forever.


Mit Welcome to the Internet scheint es tatsächlich so, als würden sie nun die Alben veröffentlichen, die bereits in den 80ern inspirierten. Die Platte ist also sowas wie eine Retro-Zukunfts-Platte. Warum muss Neue Deutsche Welle auch überhaupt schon tot sein?

Um ausnahmsweise mal die Pressemitteilung zur Platte zu zitieren:

Dickie Starshine, Bernd „Bernd“ Wand und Torsten Bage beweisen mit ihrem Mach3-Kraftwerk, dass sie alles andere sind als ein Freak Accident, ein psychotischer Farbtupfer im globalen Musik-Schrott.

Genug gesagt. Kauft euch die Platte.

Tracklist: Fraktus - Welcome to the Internet
fraktus welcometotheinternet cover
01 Welcome To The Internet

02 Saugetücher

03 Maler und Lackierer

04 Schuhe aus Glas

05 Musik aus Strom

06 Mary Poppins

07 Originals

08 Jeder gegen jeden

09 Let The Puppets Dance (Cool wie N.Y.)

10 White Dinner

11 Freunde sind friends


Welcome to the Internet von Fraktus wurde am 27. November 2015 via Universal Music veröffentlicht.


Fraktus auf Tour
19.01.2016 // Bremen, Schlachthof
20.01.2016 // Berlin, Astra
21.01.2016 // Leipzig, Conne Island
22.01.2016 // Nürnberg, Hirsch
23.01.2016 // München, Muffathalle
25.01.2016 // Heidelberg, Karlstorbahnhof
26.01.2016 // Stuttgart, Wagenhallen
27.01.2016 // Wiesbaden, Schlachthof
28.01.2016 // Köln, Live Music Hall
29.01.2016 // Hannover, Faust
02.02.2016 // Hamburg, Grosse Freiheit