Lieblingstonträger
Whitney_Light_Upon_The_Lake
Montag, 30. Mai 2016, 04:45 Uhr

Whitney - Light Upon The Lake

Der Lieblingstonträger der Woche

Die beiden Ex-Smith Westerns Max Kakacek und Julien Ehrlich haben Whitney zum Leben erweckt. Das Debütalbum ist wie Licht am Ende des Winters - nicht nur metaphorisch gesehen.

Winter in Chicago. Früher Morgen, fahles Licht, weiße Kälte vor dem Fenster eines Apartments am Logan Square. Tage zum Drinbleiben und Kindermachen. Oder Musik, so wie in diesem Fall, bei der die Eiskristalle an den Fensterscheiben einer Jungs-WG hochwachsen. Drinnen auf der Couch: Max Kakacek und Julien Ehrlich, alte Freunde, Mitbewohner, bandlose Musiker. Beide gehörten den Smith Westerns an, die sich Ende 2014 auflösten, beide blicken auf kürzlich zerbrochene Beziehungen zurück, tiefgefrorene Stille, winterlicher Stillstand. Doch in dem harten, frostigen Boden beginnt etwas Wurzeln zu schlagen, beinahe unmerklich entsteht zwischen den schwingenden Saiten und hin- und hergereichten Textblättern der beiden ein neues Projekt: Whitney.

Wer ist Whitney? Inzwischen der Name der Band, die aus diesem Winterpflänzchen gewachsen ist. Eine unbekannte Größe, die nach viel gemeinsamer Zeit voller Gespräche über kürzlich Erlebtes und voller zwangloser Melodien aus zwei Gitarren nach und nach bei den beiden einzieht. Er ist das verschmolzene musikalische Ich von Schlagzeuger und Sänger Julien und Gitarrist Max, die Rolle, die beide einnehmen während sie alles, was sie in dieser Zeit beschäftigt in Songs packen. Sie verleihen der gemeinsamen Identität den Namen Whitney und machen ihn zum Gesicht und Charakter der Musik.

Whitney’s not living well, he’s very sad and distraught, but he has good times, too.

Ob die Wahl des Namens wohl ebenso fremdgesteuert war wie das Auftauchen von Whitney? Die Suche nach der Band bei YouTube hätte ein weniger musikalisch vorgeprägter Name auf jeden Fall vereinfacht. Aber jetzt ist Whitney nunmal da, so wie er ist, als Max‘ und Juliens stiller Begleiter auf der Reise bis zur Veröffentlichung der Songs aus den Wohnzimmersessions auf dem Debütalbum Light Upon The Lake.

Der Großteil der Arbeit geschieht in ungestörter Zwei-/Dreisamkeit. Nach der Zeit am Logan Square folgt eine kurze Phase ohne festen Wohnsitz und die Musiker weichen für einige Wochen in eine Hütte in die Wälder Wisconsins aus. Es gibt nicht viel zu tun, außer Songs zu schreiben, Bier zu trinken und sich um den Gefährten zu kümmern.

Inhaltlich kreisen die Songs deshalb auch auf kleiner Bahn um Whitneys Geburtsstätte: Max, Julien, und die Wohnung in Chicago. „Dave’s Song“ ist einem Nachbarn gewidmet, der unter der WG lebte. Hoch gewachsen, langer Pferdeschwanz, Tupac-Tattoo und allzeit bereit, sich die Kante zu geben. Oder auch „Follow“, der letzte Titel des Albums, der Juliens Großvater gewidmet ist.



Als es an die Aufnahmen geht, erweitert sich der Personenkreis. An Kontakten zur Szene mangelt es den beiden Papas von Whitney nicht. Julien war bis 2012 Schlagzeuger des Unknown Mortal Orchestra, später dann bei den Smith Westerns, wo er mit Max zusammen spielte. Zunächst schlagen die beiden buchstäblich ihre Zelte im Hinterhof ihres alten Freundes Jonathan Rado (Frontmann von Foxygen) auf, in dessen Studio sie auch erste Tracks einspielen. Später holen sie sich Ziyad Asrar / Malcolm Brown an die Tasten und Will Miller mit der Trompete, Print Couteau an der rhythmischen und Josiah Marshall mit der Bassgitarre stoßen dazu.

Der Vergleich zu früheren Projekten ist da natürlich unvermeidlich. Die Zeit zu Zweit hat Max und Julien offenbar gut getan. Whitney nimmt ein paar Schritte Abstand zum dichten, eng verwobenen Smith-Westerns-Sound, liefert unabhängigere Klänge und schafft mehr Raum für das einzelne Instrument. Bei jedem Durchhören der Songs auf Light Upon The Lake kann man in einem anderen Seitenarm der Melodie abtauchen. Die Lyrics werden von Juliens Kopfstimme getragen – während die Gitarrensaiten bis zur letzten Schallwelle vibrieren, schwingen bei ihm also nur die Seitenränder der Stimmbänder. Klingt anstrengend – aber nicht angestrengt. Vielmehr nimmt die ungewohnt hohe Stimme den Texten einen Teil ihrer Schwermut und gibt den Songs etwas Fröhliches, Lockeres, Plätscherndes.

Der raffinierten Besetzung verdanken die Songs auch eine erstaunliche Vielschichtigkeit. Der erste Titel des Albums „No Woman“ führt uns auf die Spur von Folk. Klare Synthie-Sounds in „Polly“ rufen Erinnerungen an Supertramp hervor, dann erlauben sich die Gitarren immer weider wieder ein fast asiatisch anmutendes Boing und Zing. Im Instrumentaltrack „Red Moon“ erwartet uns dann das lockere Zusammenspiel von Bass, Drums, Trompete und Klavier, und mit dem kecken, jazz-bluesy Sound auch plötzlich ein nicht zu verleugnender Soul-Einschlag. Der letzte Titel „Follow“ komplettiert die Genrevielfalt dann mit slidenden Gitarrenklängen, die (zunächst scherzhaft gemeinten) Experimenten der beiden Musiker mit Countryelementen zu verdanken sind, und entschwindet schließlich langsam ins Irgendwo, lässt uns mit einem leeren und gleichzeitig tröstenden Gefühl zurück. Das Album geht zu Ende, ohne dass wir es richtig merken.



Auf Whitneys Schultern lasten die hohen Erwartungen an eine Buzzband. Der Start zumindest hätte besser nicht sein können, denn bisher keine Spur von Erfolgsdruck. „We just woke the project up. It's more of a family vibe now. We're all best friends on stage. Smith Westerns was like that for awhile but then things got crazy.“, sagen Julien und Max.

Den Tourplan von Whitney könnte man durchaus ebenfalls schon als crazy bezeichnen. Aktuell sind sie schon unterwegs, bisher sind Konzerttermine bis Mitte November veröffentlicht, erst Kanada, dann die USA, direkt zu den Festivals Mitteleuropas, zurück und einmal quer durch die USA, dann wieder Nordeuropa bis runter in die Schweiz zund schließlich nach England. Wer Whitney live erleben möchte, kann das entweder bei ihrem ersten Besuch Ende Juni in Hamburg, Berlin oder Münster tun, ansonsten braucht es noch Geduld bis zum 26.10., dann gibt es die Gelegenheit im Unter Deck in München. Tickets dafür könnt ihr euch hier schon sichern.

Und wie geht es dann weiter? Die Jungs haben jedenfalls erkannt, dass Whitney seinen eigenen Willen hat und gerade von der Zwanglosigkeit lebt. Das stimmt und auf jeden Fall zuversichtlich, dass sie auf dieser Spur bleiben!

Tracklist: Whitney - Light Upon The Lake
01. No WomanWhitney Light Upon The Lake whitneypage
02. The Falls
03. Golden Days
04. Dave's Song
05. Light Upon The Lake
06. No Matter Where We Go
07. On My Own
08. Red Moon
09. Polly
10. Follow






► Light Upon The Lake von Whitney erscheint am 3. Juni via Secretly Canadian.


Bildquelle: Facebook | Whitney