Lieblingstonträger
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Montag, 13. Juni 2016, 00:00 Uhr

Radiohead - A Moon Shaped Pool

Der Lieblingstonträger der Woche

Statt als Lieblingsdatenbatzen können wir euch nun endlich das neue Radiohead-Album als echten Lieblingstonträger präsentieren. Obwohl es schon vor über einem Monat digital rausgehauen wurde, gibt's das Teil nämlich erst ab Freitag auch physisch zu erwerben.

Veröffentlicht wurde A Moon Shaped Pool, das neunte Studioalbum der Band, bereits am 8. Mai, und das nach vielen ominösen Ankündigungen sogar ziemlich plötzlich. Leider eben aber nur als Download, erst ab diesen Freitag könnt ihr das Album auch physisch im Plattenladen eures Vertrauens erbeuten. Für Freitag, den 17. Juni, ist dann außerdem noch ein riesiges Event angekündigt, das auf der offiziellen A Moon Shaped Pool Seite wie folgt beschrieben wird:

A unique Radiohead event [...] features an exclusive day long audio stream from the band, competitions, instructional artworks and more.
Welche Plattenläden teilnehmen, seht ihr HIER (in München beispielsweise solltet ihr als eingefleischte Fans im Echt Optimal vorbeischauen). Interessant - zumindest für so circa die halbe Weltbevölkerung. Immerhin schafft es nichts sonst, die Menschheit derart zu spalten wie Radiohead.

Tatsächlich kann man das Schaffen der Band als das musikalische Äquivalent zu Schrödingers Katze sehen. Es besteht die Möglichkeit, dass es gleichzeitig gut, ebenso richtig kacke ist. Und genauso wie beim Begriff "Schrödingers Katze" gibt es auch bei Radiohead noch eine dritte Möglichkeit, nämlich die Meinung über das ganze Dilemma derer, die absolut keinen Schimmer haben, worum es dabei geht und sich ergo nie damit auseinander gesetzt haben.

Weil es für alle unterschiedlichen Beteiligten einfacher ist, wird dieser Artikel auf genau diese drei Lager ausgerichtet: A sind die Radiohead-Jünger. Alles, was die Band bisher geschaffen hat, ist ein irres Meisterwerk. B sind diejenigen, die sich noch nie wirklich mit diesem "Radiohead" auseinander gesetzt haben, während wir C all denjenigen widmen, die mit der Musik nicht nur nichts anfangen können, sondern sie auch noch wirklich, wirklich schlecht finden und den ganzen Hype nicht verstehen. Ja, so Leute soll es tatsächlich geben. Für die klingt Radiohead übrigens in etwa so.

In diesem Sinne...

Vor dem ersten Anhören
Wasdachte: Herrje, ich kann es gar nicht erwarten, in die Platte reinzuhören. Bestimmt stellen Radiohead wiedermal alles auf den Kopf, üben unterschwellig Kritik und erweitern mittels Thom Yorkes Lyrik die Horizonte aller. Ich kann es kaum erwarten, mit allen darüber zu philosophieren, was für eine großartige Band das ist. Nur hoffentlich sind nicht so Tracks wie "Creep", "Karma Police" und "High & Dry" dabei, die dann auch die ganzen N00bs feiern. Eher sowas experimentelles, gewagtes, angstloses, wie Thom Yorkes Nebenprojekt Atoms for Peace, würde mir gefallen.

Was dachte (nach kurzer Recherche): Innerhalb von 36 Jahren Bandgeschichte haben Radiohead mit A Moon Shaped Pool neun Alben rausgehauen, von denen ich gerade mal die Songs "Creep", "Karma Police" und "High & Dry" kenne. Fünf Jahre liegen zwischen dem neuesten und dem letzten Album, The King of Limbs. Tut manchen Bands ja ganz gut, so eine kleine Schaffenspause, auch wenn es bei Radiohead gar nie so vorkam - immerhin waren sie immer irgendwie im Gespräch.

Was C dachte: Herrje, ich traue mich gar nicht, in die Platte reinzuhören. Ich habe jetzt schon ein wenig Kopfweh. Spätestens in ein paar Tagen wird allerdings wieder jeder große Connoisseur darüber philosophieren, welch großartige Band das ist. Ich sollte zumindest einmal durchskippen, damit ich meinen Standpunkt verteidigen kann. Vorher muss ich aber noch Küche putzen.. Steuererklärung machen... vielleicht auch mal wieder Oma anrufen. Dann, ja dann bin ich vielleicht bereit, kurz mal reinzuhören. Hoffentlich sind ein paar Tracks wie " Creep", "Karma Police" und "High & Dry" dabei. Aber wehe, es handelt sich wieder um sowas experimentelles wie Thom Yorkes Nebenproject Atoms For Peace.


Nach dem Anhören
Was A denkt: Es ist leider nicht ganz so schräg und experimentell, wie ich es mir von Radiohead erhofft hatte. Jetzt sind sie wohl doch in den Mainstream geraten. Ich hasse sie.

Was B denkt: Klingen ganz gut, diese Radiohead. Verstehe gar nicht, warum da immer alle so unterschiedlicher Meinung sind.

Was C denkt: Es ist zum Glück nicht ganz so schräg und experimentell, wie ich es von Radiohead erwartet hatte. Endlich wagen sie einmal was! Nämlich, zumindest ein bisschen weniger dissonant zu klingen. Ich könnte mir vorstellen, sie nun nicht mehr ganz so sehr zu hassen, ja sogar ein bisschen sogar lieb zu haben.



Hätten wir das geklärt. Jetzt also mal Tabula Rasa: A Moon Shaped Pool ist ein großes Werk. Thom Yorke scheint sich mit seinen Klangideen ein wenig zurück genommen und mehr mit der Band kommuniziert zu haben. A Moon Shaped Pool klingt ziemlich gut nach einem Konsens-Album - in sich stimmig, dank dem Zusammenspiel aller fünf Köpfe. Und natürlich dank der Unterstützung des London Contemporary Orchestras, die Radiohead mit ihrem mächtigen Klangrepertoire aushelfen und den Sound noch mal richtig aufblasen. So hört man auf dem neuen Album neben viel Akustik-Gitarre und knarzenden Synths auch noch Streicher, Flöten, Trompeten und Pauken.

Doch wird der Klang von A Moon Shaped Pool nicht durch und durch von großer Begleitung aufgebauscht. Bei "Glass Eyes" und "Daydreaming" ist er beispielsweise eher minimiert: Klavier, Glocken und sehr sanfte elektronische Elemente.



Paradebeispiel für die große Unterstützung vom London Contemporary Orchestra ist da viel eher die erste Single-Auskopplung von A Moon Shaped Pool - "Burn the Witch".



In "Burn the Witch" steckt übrigens Kritik an der europäischen Flüchtlingskrise, die von der Regisseurin des Videos, Virpi Kettu, eindrucksvoll visualisiert wurde. Das musste Thom Yorke kurz nach Veröffentlichung allerdings erst mal selbst erzählen, bevor da überhaupt jemand drauf gekommen ist.
Widerstand gegen das System ruft Yorke etwas ausdrücklicher in "The Numbers" an.

The future is inside us, it's not somewhere else.
[...]
We call upon the people, people have this power.
The numbers don't decide. Your system is a lie.
[...]
And you may pour us away like soup, like we're pretty broken flowers.
We'll take back what is ours.. take back what is ours.


Ansonsten geht es auf A Moon Shaped Pool auch um Trennung, beziehungsweise von stetig schrumpfender Liebe, wie zum Beispiel in "Glass Eyes" und "Identikit". Viele sprechen daher von einem Album, mit dem der Radiohead-Frontmann die Trennung von seiner Gattin Rachel bewältigt. Jedoch ist zumindest "Identikit" in Wahrheit schon ein bisschen älter: Um 2012 wurde der Track bereits live gespielt, genauso wie "Ful Stop". Die Songs "Desert Island Disk" und "The Numbers" kennen wir bereits seit Dezember 2015, wobei letzterer damals noch "Silent Spring" hieß. Wirklich abgefahren ist die Geburtstunde des letzten Tracks vom Album, "True Love Waits" - der feierte vor 21 Jahren Live-Premiere.



Es scheint fast, als wäre der Fokus bei A Moon Shaped Pool auf der Live-Tauglichkeit der Songs gelegen, weswegen ihr die Band unbedingt auf einem ihrer Festival-Gigs erwischen solltet! Gelegenheit dazu habt ihr unter anderem beim NOS Alive und Lollapalooza Berlin.

Bis dahin sollten dann auch einige Thom York'schen Bewegungen bei euch sitzen.

thomyorke giphy

Tracklist: Radiohead - A Moon Shaped Pool
01 Burn The Witchradiohead amoonshapedpool cover

02 Daydreaming

03 Decks Dark

04 Desert Island Disk

05 Ful Stop

06 Glass Eyes

07 Identikit

08 The Numbers

09 Present Tense

10 Tinker Tailor Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief

11 True Love Waits


A Moon Shaped Pool von Radiohead wurde am 8. Mai via XL Recordings veröffentlicht.