Lieblingstonträger
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Montag, 07. November 2016, 00:00 Uhr

Hundreds - Wilderness

Der Lieblingstonträger der Woche

Nach zwei Jahren sind die Hamburger mit neuem Album zurück. Und schmeißen alle Befürchtungen, dass sie sich mit ihrem dritten Werk in den Mainstream einordnen oder diesem annähern, über den Haufen.

Woltersdorf – eine ländliche Idylle aus weitläufiger Heidelandschaft, Wiesen, Natursteinhäuschen, Feldwegen. Und hinter den massiven, kühlen Mauern eines dieser Häuser spielt Eva ihrem Bruder etwas auf dem Klavier vor und singt dazu. Und das klingt dann ungefähr so:



Genau, wir sprechen von den Hundreds – hier mit "Our Past" von ihrem letzten Album Aftermath. Die beiden Geschwister genießen die Ruhe auf dem Land, doch die Abgeschiedenheit von der Großstadt hört man dem, was die beiden meist aus einer auf dem Klavier umgesetzten ersten Idee entwickeln, überhaupt nicht mehr an. Das wollen Eva und Philipp auch gar nicht; von ihrer Bandgeschichte ist kaum etwas bekannt, da ihre Musik keiner künstlich gezogenen Verbindungen zu ihrer Biografie bedarf. Andererseits – dass bei einem Geschwisterpaar keine Anekdote über die Bandgründung kursiert, ist ja auch nicht so verwunderlich. Dass es seinen Anfang auf irgendwelchen Familienfeiern nahm liegt nahe, auch dass da etwas langsam gewachsen ist – es gab eine Zeit, da hat Eva Bob Marley gehört und Philipp Funk. Aber die beiden sind wieder aufeinander zugetrieben, und zu ihrem Durchbruch gibt es dann doch eine Geschichte zu erzählen: Eva macht bis Anfang 2010 in einem Kindergarten Musik mit Kindern. In der Kneipe nebenan, in der sie immer ihre Mittagspause verbringt, schließt sie Bekanntschaft mit dem Wirt, der sie wiederum mal bei einem Konzert erlebt hat und dann bittet, doch auch mal in seinem Laden zu spielen. So soll es sein – und unter den Zuhörern, die sich gegenseitig auf den Füßen stehen, lässt sich auch jemand vom Hamburger Label Sinnbus die Zehen quetschen. Daraus wird, trotz der mittelmäßigen Technik der semi-professionellen Location, die Erfolgsgeschichte der Hundreds.

Jetzt ist mit Wilderness das dritte Album der Hundreds erschienen. Das Cover wirft Fragen auf: ist das die Nahaufnahme einer im Wachsen begriffenen Pflanze? Oder etwas Kaputtes, zerbrochenes? Und gleichzeitig hat man trotzdem das Gefühl, dass es den Titel des Albums doch genau trifft. Es versteht sich irgendwie von selbst. Und so ist das auch mit ihrer Musik. Die Hundreds sind bekannt für die eindrucksvolle Atmosphäre, die sie mit Licht und Klang auf der Bühne kreieren. Doch das ist keine Inszenierung, sondern eher eine Stütze für die Bilder, die die Fantasie beim Hören sowieso hervorbringt. Wenn noch nie eine Bühnenshow von Eva und Philipp gesehen hat und beim Hören ihrer Songs die Augen schließt, sieht man sie genau vor sich. Man könnte sagen: Die zwei Musiker drücken sich sehr präzise aus, und das ohne ausschweifende Lyrics.

Der erste Titel "Wilderness" ist keine Einladung, sondern eine Drehtür, die uns zielstrebig in eine Halle schleust, und die ist nicht sonderlich gut beleuchtet.


No letters left inside my mouth, I spit and swallow pain.

Vielleicht ist genau das der Anfangspunkt der Geschichte von Wilderness, der Punkt, an dem Worte allein nicht mehr ausreichen, und man könnte sich tatsächlich einbilden, dass sich genau an der Stelle des Songs die Erleichterung am Horizont abzeichnet: Es geht schon besser. Also ab dafür und rein ins Album.

Mit dem zweiten Titel "Bearer&Dancer" nehmen wir Fahrt auf. Wieder erstaunt die anschauliche Umsetzung des Inhalts: erst das Weglaufen vor Veränderung im routinierten Schritt des eingängigen Beats, und dann: der musikalische Bruch mit der Einsicht: „All null and void, yet fertile soil“. Schon bricht genau dort, auf fruchtbarem Boden, der erste Keim durch, das Musikstück wird scheinbar ein komplett neues, nur das schwache Echo der Worte aus der ersten Hälfte erinnern noch an diese. Jetzt klingt Optimismus an.

Ähnlich starke Parallelen zwischen Wort und Klang erwarten uns auch im schwingenden, schwer federnden, zielstrebigen Un-Unify („Bye bye, I, Iam gonna learn to fight“), oder wenn sich Unfold wörtlich entfaltet, aus dem All kommend scheinbar, um dann direkt vor unseren Füßen zu Landen. Und dann betrachten wir die Überbleibsel: "What Remains" - „The impact you had was a deep one, my guts yor buffet to feast on“



In "Black Sea" kann der aufmerksame Hörer ein Seefahrerepos heraushören: Eva singt vom Segel setzen, vom Aufbrechen nach sieben Jahren Krieg, und das Klavier zieht uns unmerklich in einen verspielten, plätschernden Triolenrhythmus, auf dem elektrolastig und hart getaktet der Bug des im Aufbruch begriffenen Schiffs schwimmt. Wie die Fahrt endet? Wissen wir nicht. Denn schon sind wir mitten in "Spotless", in dem es um Macht geht, es wird die Geschichte der Königin erzählt, getragen von unbeugsamen Beats, aber selbst dieses Thema bleibt nicht einseitig beleuchtet im Raum stehen. Am Ende: „Look, I’ll be over / how can I keep my golden crown?“.

Hundreds liefern das Booklet mit allen Songtexten zum Album dazu, und wer sich die Zeit nimmt, sich durchzuhören und zu –lesen, dem wird die Musik nicht nur ins Ohr gehen, sondern auch wie Schuppen von den Augen fallen. Vertonte Geschichten wie die obigen findet man genauso in "Lily", "Wind in the Pines" und "Take it Down". Beim Erzählen wird eine riesige Klangskala zwischen konventionellen Klavier- oder Gitarrensaiten und nicht verortbaren Elektrosounds abgedeckt.

Man möchte diese Sprache fast plakativ nennen, wenn es tatsächlich eine Sprache und nicht in Wahrheit ungleich schwieriger wäre, Botschaften in Klang umzusetzen. So ist das Album schlichtweg: treffend. Durchdacht. Wer sich darauf einlässt, den regt Wilderness zum Mitdenken an, bis der letzte Titel "Picking Pieces" schließlich einfach so auströpfelt, die Musik verschwindet und lässt uns zurück mit unserem eigenen Gedankenkram.


Tracklist: Hundreds - Wilderness

01 WildernesshundredsCover b
02 Bearer & Dancer
03 Un-Unify
04 Unfolded
05 What Remains
06 Black Sea
07 Spotless
08 Lily
09 Wind In The Pines
10 Take It Down
11 Picking Pieces

Bonus CD

01 Give In Get Out
02 Spotless (Robot Koch Remix)
03 Un-Unify (Foxos Rework)
04 Wilderness (Vacation Boys Nightshift Remix)
05 Lily (Florian Wienczny Remix)
06 State Of Luck



              Wilderness von Hundreds wird am 4. November 2016 via Sinnbus veröffentlicht.


Bildquelle Titelbild:
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