Lieblingstonträger
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Montag, 28. November 2016, 00:00 Uhr

Peter Doherty - Hamburg Demonstrations

Der Lieblingstonträger der Woche

Diesen Freitag veröffentlicht Peter Doherty sein wahnsinnig gefühlvolles, zweites Solo-Album. Die Challenge dabei: Hört die Platte komplett durch, ohne einen dicken fetten Kloß im Hals zu bekommen. Wir sind gescheitert.

In diesem Internet gehen gerade verstärkt Listen rum, die die besten Indie-Hymnen der 00er Jahre zelebrieren. Songs, zu denen wir damals in Clubs die Nacht durchgetanzt haben, die ebenso wie viele der damaligen musikalischen Helden gar nicht mehr existieren. In München ist damit klar das Atomic gemeint. Man wurde auch nicht müde, Mittwoch um Mittwoch die gleichen Tracks zu hören. Zu "Fuck Forever" von den Babyshambles, zum Beispiel, konnte man jedes Mal ums Neue alles rausbrüllen und jede Emotion in irren Tanzschritten und waghalsigen Drehungen ausdrücken und diesen kleinen "Scheiß drauf"-Moment feiern, auch wenn man ein paar Stunden drauf wieder brav im System (Schule/Uni/Arbeit) hockte.
Als Kopf der Babyshambles und Libertines mutierte Peter Doherty mit seinem Talent als Singer/Songwriter zum Antiheld der 00er Jahre. Dann war er irgendwann zu sehr drauf, wurde unzuverlässig, hat kaum mehr einen versprochenen Gig gespielt, ging in den Entzug, kam wieder raus, veröffentlichte 2013 mal ein neues Album mit den Babyshambles (Sequel to the Prequel), das es allerdings auch etwas verfehlte, die Flamme von damals richtig zu entfachen. Der Held von damals war dabei zu anti sich selbst gegenüber und die neuen Werke wurden von negativen Drogenschlagzeilen überschattet. Aus Bewunderung wurde Sorge und Mitleid.

Dann 2015. Pete ist erneut auf Entzug in Thailand, ihm scheint es gut zu gehen, zumindest ist er ziemlich aufgegangen. Er veröffentlicht den ersten neuen Solo-Song (später dazu mehr), während die Fans schon auf ein neues Album von The Libertines hinfiebern, das im September veröffentlicht werden sollte - Anthems For Doomed Youth. Und da war es wieder. Da war dieses unantastbare Teenager-Gefühl von damals in all seiner nostalgisch angetriebenen Kraft.

Nun schreiben wir das Jahr 2016. Mit neuen Alben von Adam Green, Kings of Leon und Radiohead haben die Indie-Kids ein paar ihrer Helden von damals zurückbekommen. Jetzt zieht auch Peter Doherty nach: Nach Grace/Wastelands, das 2009 erschien, veröffentlicht er diesen Freitag mit Hamburg Demonstrations sein zweites Solo-Album. Dieses wurde in Hamburg aufgenommen, wo der Brite ein halbes Jahr lang gelebt hat, und von Johann Scheerer produziert, der auch schon für Künstler wie Faust und 1000 Robota gearbeitet hat.

Viele der Songs sind allerdings gar nicht nigelnagelneu, einige sind sogar schon an die zehn Jahre alt. Gegenüber dem Musikexpress hat Peter Doherty ein Problem angesprochen, das viele Musiker unter großen Label-Fittichen frustriert:

Es ist tatsächlich so, dass ich da relativ wenig zu melden habe. [...] ich arbeite daran, bei meinen Aufnahmen – egal ob mit den Libertines oder solo – in Zukunft mehr Kontrolle darüber zu bekommen, was auf einer Platte landet und was nicht. Ich will nicht rumlästern, aber es sind Songs dabei, die ich ganz sicher nicht ausgewählt hätte.
"Birdcage" zum Beispiel erschien 2012 auf dem Soundtrack zum französischen Drama Confession d'un enfant du siècle, in dem Peter neben Charlotte Gainsbourg sogar eine Hauptrolle besetzte. Auch "Flags Of The Old Regime" ist aus 2011 und wurde Anfang 2015 als erste Single-Auskopplung des neuen Albums neu veröffentlicht. Der herzzerreissend ehrliche  Track war die erste Single-Auskopplung von Hamburg Demonstrations und ist eine Hommage an seine Liebe Amy Winehouse.

The fame they stoned you in / You soldiered it / And you made your fortune but you broke inside / Stand up there in front of the whole world / And you don't feel them songs no more
Oh me, oh my Amy / You won't be coming down tonight



Hamburg Demonstrations ist allerdings keine reine Songsammlung alter Kamellen. Auch aktuelles Zeitgeschehen verarbeitet Peter Doherty in neuen Songs, wie im folkigen "Hell To Pay At The Gates Of Heaven". Darin spricht Peter Doherty seine Gedanken zu den Anschlägen in Paris vom 13. November 2015 aus.

Come on boys choose your weapon / J-45 or AK-47 / It's all aboard the Armageddon / And the whole show it comes tumbling down
Doherty, der sehr frankreichverbunden ist und viel Zeit in Paris verbringt, spielte am 16. November ein Konzert im neueröffneten Bataclan. Der Schlachtruf: "Fuck Forever Terrorism". Im Laufe des Gigs gesellte sich noch Libertines-Kollege Carl Barat auf die Bühne, der mit Doherty ein paar der Klassiker spielte.

Beim Anhören von Hamburg Demonstrations mussten wir bei mindestens der Hälfte der Tracks fest schlucken - dabei sind mit Songs wie "Kolly Kibber" auch poppigere Songs dabei, die vielleicht nicht zum wilden Tanzen, aber zumindest zum Schunkeln anregen. Es ist diese abgefahrene Balance, die Peter Doherty auf seinem neuen Album hinbekommt, die im großen Ganzen betrachtet konstant warme Melancholie ausdrückt.



Nun kann man sich fragen, ob es wirklich so hilfreich ist, sich an die alten Helden zu klammern. Doch ist es in Zeiten wie diesen doch freilich ein bisschen sehr schön, sich an Vertrautem festhalten zu können?

Tracklist: Peter Doherty - Hamburg Demonstrations
01. Kolly Kibberpeterdoherty hamburgdemos cover

02. Down For The Outing

03. Birdcage

04. Hell To Pay At The Gates Of Heaven

05. Flags From The Old Regime

06. I Don't Love Anyone (But You're Not Just Anyone) V2

07. A Spy In The House Of Love (Demo Vocals)

08. Oily Boker

09. I Don't Love Anyone (But You're Not Just Anyone)

10. The Whole World Is Our Playground

11. She Is Far

Hamburg Demonstrations von Peter Doherty wird am 2. Dezember 2016 über Warner veröffentlicht.