Musikmeldungen
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Donnerstag, 16. März 2017, 00:00 Uhr

Weltbekannt in der Türkei

5 Künstler, die ihr kennen solltet

Bevor sich die Türkei vollends von Europa abschottet, wollen wir noch einmal genau in die alternative Musikszene unserer Freunde reinhören.

Die Klangvielfalt des Landes hat nämlich einiges mehr zu bieten als alle möglichen Flöten wie Zurna, Nay und Kaval und ähnlich viele Kurz- und Lang- also generell Halslauten, wie etwa Oud, Tanbur, Saz oder die türkische Banjo-Version namens Cümbüş, die sowohl als Langhals-, als auch als Kurzhalslaute existiert.
Gerade was Rock und Elektro-Funk angeht, hat die Türkei zwei besonders beachtliche Koryphäen vorzuweisen: Zum einen den türkischen Pionier der elektronischen Musik Barış Manço, zum anderen Erkin Koray, der mit seinen Protestsongs die moderne, türkische Musik maßgeblich prägte. Die 80er Jahre waren in der Türkei nämlich auch ein Jahr von politischem Aufruhr. Angespornt vom Militärputsch verbreitete sich so verstärkt türkischsprachiger Rock (Özgün Müzik). Auch HipHop hat über die letzten Jahre zunehmend an Relevanz gewonnen - Beispiele hierfür wäre am besten wohl Ceza, der durchaus auch kritische Texte raushaut. Meistens.

Wir wollten aber noch ein bisschen tiefer graben und für euch aktuelle Künstler finden, die ihr definitiv kennen solltet. Wir stellen nun also vor...

Büyük Ev Ablukada
Mit knapp 70.000 Fans auf Facebook ist die Band (dessen genaue Zusammensetzung übrigens ein ziemlich Rätsel ist, da die Mitglieder teilweise wechselnde, falsche Namen benutzen) in der Türkei wirklich kein geheimer Geheimtipp mehr. Büyük Ev Ablukada gründete sich 2008, veröffentlichte das Debütalbum Full Faça, was auch auch gleichzeitig der Begriff für ihren besonderen elektronischen Klang ist, allerdings erst vier Jahre später. Erst 2016 ließ die Band mit den Songs "Arayan Bulur" und "Hayaletler" Neues von sich hören. Ein paar unbekante Tracks waren außerdem auf dem Live-Album Ay Şuram Hâlâ Ağrıyo (2017) zu hören.




Palmiyeler
Das Psych-Pop-Quartett aus Istanbul (mit weiblicher Schlagzeugerin!) hat sich erst 2013 gegründet, bekommt aber zumindest auf ihrer Facebook-Seite viel, viel Liebe. Ihr Debütalbum II (Venus) wurde erst dieses Jahr veröffentlicht.




The Away Days
Ebenfalls 2013 gegründet, allerdings schon einen Ticken größer. Das Interesse europäischer Medien wurde zumindest schon mal geweckt. Zumindest schreibt der Guardian sogar schon über das Dream-Pop-Quartett:

Turkish shoegaze might not be a major phenomenon, but given the breadth of their talent, it soon could be.
Unrecht hat die britische Tageszeitung damit sicher nicht. Zumindest schafft es das Debütalbum Dreamed a Dawn, das erst am 24. Februar 2017 veröffentlicht wurde, problemlos mögliche Zweifel zu beseitigen.




Nihil Piraye
Sieben Leute stecken in der Band und wir werden nun gnadenlos jeden einzelnen aufzählen: Berk Sivrikaya, Zafer Sernikli, Alp Alptekin, Ozan Çirkinoğlu, Erentuğ Turan, Yağız Nevzat İpek und Emre Dereli. Ansonsten gibt sich die Elektro-Pop-Band recht mysteriös - zumindest gegenüber Leuten, die kaum ein Wort Türkisch können. Die Daten und Klänge sind jedoch eindeutig: 2016 veröffentichten Nihil Piraye ihr Debütalbum Sanduka, das im Gegensatz zu den neuesten, viel synth-lastigen Songs noch roher klang: Gitarre, Schlagzeug, Klavier - und gut war's. Wir mögen beides.




She Past Away
Volkan Caner und Doruk Ozturkcan aus Bursa machen seit über zehn Jahren Post-Punk/Goth-Wave und klingen damit also nach den guten, düsteren 80er Jahren, nur eben mit türkischen Texten versetzt. Ihr Debütalbum Belirdi Gece kam 2012 via Fabrika und Dead Scarlet Records raus und wurde international besprochen. Die zweite Platte Narin Yalnızlık folgte 2015 - Volkan und Doruk könnten also gerne mal wieder nachlegen.




Filmtipp: Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul
In Fatih Akıns Dokumentarfilm liegt der Fokus auf der Musikszene Istanbuls. Der deutsch-türkische Regisseur begleitet darin den Bassisten der Einstürzenden Neubauten, Alexander Hacke, durch einen musikalischen Rundgang durch die Stadt. Hacke kennt Akın bereits seit einigen Jahren, unter anderem durch die Zusammenarbeit an Akıns Film Gegen die Wand, wofür der Einstürzende Neubauten-Bassist den Soundtrack kreierte. Damals verliebte er sich auch in Istanbul, weswegen er zurückkommen und den Klang der Stadt einfangen wollte.

In Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul stellt Hacke so kontemporäre Musiker vor, führt Gespräche mit Bewohnern Istanbuls und zeigt Live-Auftritte türkischer Künstler. Mit dabei ist die orientalisch orientierte Rockband BabazulaDuman, die Straßenband Siya Siyabend, der türkische Rapper Ceza, der sogar des Tripletime-Raps mächtig ist, seine (damals) 22-jährige Schwester Ayben, die als eine der besten MCs der Türkei gilt, das Mercan Dede Ensemble (eine elektronischen Band, die gerade religiöse Sufimusik in ihre Musik einfließen lässt. Der Gesang ist dabei sehr sphärisch und spirituell, des Weiteren ist bei den meisten Live-Auftritten des Mercan Dede Ensembles Drehende Derwische zu sehen). Kurzum: Anschauen. Ist interessant.

(Wir wollen euch hier ja nichts semioffizielles vorschlagen, aber Crossing the Bridge könnt ihr euch an diversen Stellen im Internet komplett anschauen. Allein auf YouTube gibt es um die fünf verschiedenen Streams.)


Bildquelle: flickr | Sean Pritchard | cc by 2.0