Musikmeldungen
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Mittwoch, 31. Dezember 2014, 00:00 Uhr

Die 20 besten Alben des Jahres

DER EGOFM JAHRESRÜCKBLICK 2014

So ein fantastisches Jahr. So viel fantastische Musik. So viele fantastische Alben. Die 20 besten haben wir für euch rausgesucht.

Wanda - Amore

wanda amoreUrplötzlich sind die Wiener mit ihrem Track "Schickt mir die Post" 
aufgetaucht, urplötzlich haben sie eines der besten Alben des Jahres veröffentlicht. Urleiwand, die Neue Wiener Schule ist endlich in Deutschland angekommen. Dabei machen schon seit geraumer Zeit aufmüpfige, österreichische Klassenstörer in Deutschland von sich reden. Deren Attitüde, Stil und Texte haben einfach so gar nichts mit den hierzulande als Vorzugsschüler geltenden Revolverhelden, Sportfreunden Stillern oder Silbermonden gemein.

Mit ihrem sympathischen Dialekt bleiben sie nisten sie sich im Kopf ein und schaffen es, trotz der Zelebrierung eben dieses Dialekts nicht wie Schlager zu klingen. Das Wienerisch ist womöglich doch das bessere Deutsch zum Singen.

So haben sie auf Amore also zwölf Songs veröffentlicht, die alle - wirklich alle - Potential haben, als Single auf den Markt zu kommen. Keine Füller, kein Larifari, kein so la la. Jerder verdammte Track auf diesem Album ist gut. Manch einer soll ja ein Album veröffentlichen, auf dem es lediglich drei wirklich gute Songs gibt. Nicht aber Wanda.


alt-j - This Is All Yours
 
altj thisisallyours
Ein Blick auf das Cover genügt eigentlich schon, um zu wissen, dass das zweite Album von alt-J ein verspieltes Kunstwerk ist. This Is All Yours ist eine Platte, bei der ihr nicht skippt, sondern durchhört. Die Songs fließen ineinander über, verschmelzen, erzählen euch gemeinsam eine Geschichte ohne roten Faden. Damit wandern Alt-J genau den schmalen Weg zwischen Unterhaltungsmusik und Kunstobjekt, der tiefgründig verkopft und gleichzeitig immer wieder erlösend simpel ist. 

Joe selbst beschreibt This Is All Yours passend als öligen Ozean, in dem man dahintreibt, ein wenig düster, aber immer sicher an der Oberfläche. Das unterschreiben wir so, mit Fingerfarbe! Alt-J klingen auf ihrer zweiten Platten insgesamt eine ganze Ecke reifer, ruhiger und bedachter, aber auch abwechslungsreicher und experimenteller.



Caribou - Our Love
caribou ourloveWir alle erinnern uns noch an das letzte Caribou-Album. Swim war ein Meisterwerk der Verspieltheit, des bizarren Gefrickels. Auf seinem neuesten Album hat sich sein Sound keineswegs verändert. Doch in Dan Snaiths Leben selbst hat sich viel verändert in den vier Jahren seit Swim. Eine Welttournee, noch eine mit Radiohead. Oh, und dann wurde er auch noch Papa. 

So klingt Our Love geerdeter, zudem war er darauf fokussiert, eher Dinge wegzunehmen, als die Songs zu überladen. Die Platte klingt manchmal wie 90er Jahre House, manchmal nach 2014er R’n’B, Produzenten wie Mike Will Made It oder Hit Boy haben ihn inspiriert, aber auch diejenigen, die schon vor Jahrzehnten über die Liebe gesungen haben. Stevie Wonder oder Sly Stone. Die Sounds sind da, sie sind klar, sie wandern immer noch im Kopf hin und her, aber anders als bei Swim schwappen sie nicht mehr über und schlagen Gischt, sondern sie sind einem sehr nahe. 

Our Love ist ein Album voller Liebeserklärungen. Vorne bis hinten und in sich selbst schön, wie es wahrscheinlich nur Caribou hinbekommt, ohne uns in triefendem Kitsch und Fremdscham versinken zu lassen. Der Mathematiker Caribou, der alles und jeden berechnen kann und trotzdem so fest auf der Erde steht, dass er den Blick für die unberechenbaren Dinge nicht verliert. Weil er älter und weiser und kahler geworden ist und mit sich und den Seinen glücklich ist und sie mit ihm. Und wir mit uns und allem anderen ebenso. 



Metronomy - Love Letters
metronomy loveletters2011 sollte mit The English Riviera ein Album veröffentlicht werden, das sich von seinen kritisierten Vorgängern abgrenzt. Vielleicht erklärt dies, warum drei Jahre vergehen mussten, bis mit Love Letters der Nachfolger erschienen ist - hatten die Londoner eventuell auch selbst Angst, in alte, bemängelte Muster zu fallen? Möglich war es, denn auch Love Letters ging ein Hype voraus, dass die Gefahr durchaus bestand, dem nicht standhalten zu können. Und auch wenn wir bei dem ein oder anderen Titel Ähnlichkeiten mit alten Tracks zu erkennen meinen, waren wir von der neuen Platte doch sehr begeistert.

Es ist die eingängige Andersartigkeit, die Metronomy ausmacht und die wir bereits an der Vorgängerplatte so sehr liebten. Und die Auswahl an verschiedenen Instrumenten und Genre-Konstellationen. Da wären zum Beispiel der 60er Jahre Flair, cembalo-ähnliche Keyboardklänge, Bläser, Orgeln, gekoppelt mit Synthies und Mounts erneuter Versuchen, fünf Oktaven höher zu singen als sein Stimmvolumen hergibt. Eine klassische, schöne Stimme hat er ja nun nicht, was die ganze Angelegenheit nur fassbarer und zugänglicher macht. Es klingt zudem oft so, als ob Metronomy im Musizieren einfach so drinnen sind, es so sehr spüren, dass sie alles andere ausblenden und sich in Ekstase versetzen. 

Es ist schwer, ein Glanzstück herauszufiltern. Schlichtweg, weil Love Letters mit zehn von diesen imponiert. Und doch ist jeder Song eine eigene Welt für sich.



Chet Faker - Built On Glass
chetfaker builtonglassDas schon mal vorweg: Chet Faker hat uns überrascht. Es ist nicht das Album geworden, das wir erwartet haben. Es ist keine lange, neue Version der Thinking In Textures EP geworden, das war ja irgendwie schon klar. Aber auch vom Sound her ist es spezieller, jazziger, zum Teil Gospel-beeinflusst, einen-Schritt-weiter-iger. Einen Schritt, den er nicht alleine gehen musste, sondern bei dem man merkt, dass er nun die Unterstützung einer kleinen aber talentierten Band genießt, im Gegensatz zur Debüt-EP.

Das Album ist zweigeteilt. Der Track "/" ist eigentlich nur ein Audio-Sample, ein Field-Recording. Chets Texte sind auch deswegen immer so nachdenklich und ehrlich, weil er nicht nur selber gute Dinge zu sagen hat, sondern bestimmt auch ein hervorragender Zuhörer ist, der sich Dinge merkt. Der dafür sorgt, dass denkwürdige Momente nicht nur eine Erinnerung bleiben, sondern sie aufnimmt und Geschichten, Melodien und schließlich Songs um sie herum bastelt. So gesehen ist "/" doppelt passend. Als klare Trennung zwischen zwei Teilen eines Albums und gleichzeitig als Einstimmung auf das, was uns in den zweiten 25 Minuten erwartet: Das Tempo erhöht sich, Synthie- und elektronische Sounds werden prägnanter, instrumentale Teile dominanter. Und immer wieder diese sich aufbauenden Klangschichten, die dann ineinander zusammenfallen.

Fantastisch.



Seekae - The WorrySeekae TheWorry
The Worry ist ein Album, das leider untergegangen ist neben all den anderen, starken Künstlern, die nach und nach aus Australien zu den näheren Gefilden schwappen. Ihr solltet trotzdem nicht verpassen, mindestens einmal reingehört zu haben. Tipp: das dritte Album von Seekae schmeckt besonders gut zum Nachmittagskäffchen, wenn die Stimmung depressiv und der Himmel dunkel ist. Am besten regnet es! Seekae haben nämlich recht düstre Klänge und Themen auf ihr neues Album gepackt. Dabei legen sie von Song zu Song verschiedene Schwerpunkte: mal ist es die Hintergrundmelodie, mal ein sich wiederholendes Detail, mal die Stimme, mal einfach nur eine erschreckende Wahrheit, mal eine grobe Tatsache, die in den Texten steckt. Die Songs werden eindringlich gesungen, wirken so kräftig. Der Blues schwingt mit fast jedem Track mit. 



War On Drugs - Lost In The Dream
thewarondrugs lostinthedreamFreilich ist es mit den Themen, die behandelt werden (Einsamkeit, Depression und Tod) eher kein Album, das man mit dem Sommer verbindet und eignet sich dementsprechend schlecht als Hymnenmaterial. Mit all ihren Festivalbesuchen 2014 haben The War On Drugs mit "Red Eyes" allerdings trotzdem - für uns -  die inoffizielle Sommerhymne veröffentlicht. Wenn wir die Platte anschmeißen, können wir uns heute noch zurückversetzen. Zum Beispiel nach Lissabon, als sie auf dem NOS Alive aufgetreten sind. Wir saßen nach zwei Tagen Festival körperlich kaputt in der hintersten Reihe, halb in der untergehenden Sonne und haben einfach nur zugehört. Es war wundervoll. Doch zurück zum Thema. Auf Lost in the Dream werden jene Dinge behandelt, mit denen Frontmann Adam Granduciel persönlich am meisten zu kämpfen hat. Melodisch setzte man da eher den Wert auf organische, authentische Klänge. Nicht zu viel, was das ganze hin und wieder an die späten 80er erinnert.
 


Marteria - Zum Glück in die Zukunft II
marteria zgidz2Für Zum Glück in die Zukunft II war Marten Laciny mit seinem Kumpel Paul Ripke in zehn Ländern unterwegs und das in nur 21 Tagen. Mit insgesamt 22 Flügen sind sie unter anderem nach Nepal, Bangkok, Chile, Brasilien und Alaska geflogen. Das alles für nur einen Zweck: Schönes Videos aufzunehmen und Marterias Texte so visuell zu unterstreichen. Für den Song "Die Nacht ist mit mir" waren sie beispielsweise in einer Bar in Alaska und haben innerhalb von 20 Minuten einfach mal 18 Tequila-Shots getrunken. Oder haben für "Jon Tra Volta" Aufnahmen in Bangkok gemacht, mit dem Hintergrund, dass der Track eigentlich "Strom" heißen sollte und in der Weltmetropole alle Kabel frei über den Straßen hängen.

Mit Zum Glück in die Zukunft II ist dem Rostocker eine würdige Nachfolgerplatte gelungen. Die Produzenten The Krauts haben großartige Arbeit geleistet und es geschafft, die wunderbar tiefe und durchdringende Stimme von Marten perfekt zu untermalen. Neben den ruhigen Tracks gibt es auch einige, die sofort im Ohr bleiben und auf jeder WG-Party eine müde Meute zum Bewegen und Feiern antreiben. Einer von denen war "Kids (2 Finger an den Kopf)", den wir dieses Jahr aber wohl leider zu oft gehört haben... Leider nervte er schon so sehr, dass die anderen Tracks dadurch ein bisschen in den Hintergrund rückten - obwohl Zum Glück in die Zukunft 2 noch so viel mehr birgt. Unser Tipp: zieht euch die Platte nochmal rein, skippt "Kids" aber beim Durchhören.



Damon Albarn - Everyday Robots damonalbarn everydayrobots
Auf Everyday Robots will Tausendsassa Damon Abarn ein bisschen mit euren Gefühlen spielen: größtenteils sind die Songs theatralisch, gefühlvoll, züchten einem einen Kloß in den Hals. Dann wird diese Trauer plötzlich durchbrochen, mit einer derart fröhlichen Melodie ("Mr. Tembo"), dass man plötzlich an gar nichts mehr glauben mag. Nicht an die Trauer und nicht an Damon Albarns Authentizität. Dann kommen wieder nüchterne Tracks, die uns wieder einfangen und erden. Nichts hält ewig, alles muss mal zu Ende gehen, jeder Mensch stirbt einmal. Es ist hoffnungslos.

Nichtsdestotrotz darf Everyday Robots in dieser Liste nicht fehlen. Denn auch wenn man Damon Albarn Pseudotraurigkeit kritisiert, muss man eines zugeben: er hat ja Recht. Zudem zeigt der Gorillaz und Blur Frontmann einfach nochmal das, was er in seiner über zehnjährigen Karriere gelernt hat. Damon Albarn ist ein Genie, melodisch verhält er sich auf Everyday Robots absolut gewandt. Schafft es, uns damit mit seinen Gefühlen anzustecken.

Hinnehmen. Ihr müsst es einfach nur hinnehmen.



Friedrich Liechtenstein - Bad Gastein

friedrichliechtenstein badgasteinMit Bad Gastein veröffentlichte Friedrich Liechtenstein ein geniales Konzeptalbum. Sein Alter Ego, Kinky King, kehrt an den legendären Kurort zurück und lebt noch mal so richtig auf.

Friedrich Liechtenstein selbst ist ein letzter Gentleman, der letzte große Entertainer, wie früher ein Rudi Carrell oder ein Harald Juhnke. Ein singendes, quatschendes, tanzendes, performendes Multitalent, immer Exzentriker, immer Charmeur, immer fesselnd und eloquent. Eine ähnliche Rolle nimmt auch der Kinky King, die Hauptperson in seinem neuen Album, ein. Bad Gastein folgt diesem strengen Konzept, der Rückkehr des Kinky King ins Monaco der Alpen, den geschichtsträchtigen Kurort Bad Gastein. 

Nach einer Weltkarriere als Tänzer, Fremdenlegionär, Lebemann kehrt er einsam, geschlagen und liebestoll zurück an den Ort, der beispielhaft für Prunk und Verfall, Idyll und Massentourismus steht. Wie der Kinky King selbst hat dieser Ort von himmelhochjauchzend bis zum-Tode-betrübt alles mitgemacht. Als Kommissar D’Amour versucht er zum Beispiel noch einmal sei Glück bei der Dame seines Herzens. Bad Gastein ist so feinstens durchdacht, so fantastisch akribisch geschrieben und auch musikalisch so passend zwischen Klassik, Pop und Elektro von den Berliner Produzenten Heavy Listening umgesetzt, dass beim Hören ein Film auf die Rückseite des Schädels projiziert wird. Deswegen erzählen wir an dieser Stelle auch lieber nicht mehr weiter, um euch das Ende dieses Films nicht vorwegzuspoilern. 

Bad Gastein ist ein Epos, das die Geschichte eines Mannes erzählt, den es nie gab. Wenn wir uns dann aber Friedrich Liechtenstein vorstellen, wie er in einem kalten Berliner Betonwürfel sitzt, sich den Bart kratzt und hinter der Sonnenbrille lächelt, denken wir, dass es so einiges gibt, das wir nicht über ihn wissen, den Friedrich Liechtenstein. Und dann wünschen wir uns irgendwie, dass er uns eines Tages auf den Schoß nimmt und sagt: "So. Und jetzt erzähle ich dir eine Geschichte…"



Future Islands - Singlesfutureislands singles
Nach drei Jahren Pause nach der letzten haben die Future Islands aus Baltimore ihr viertes Album veröffentlicht. Dabei schindet Samuel T. Herrings Stimme mehr Eindruck denn je, diese dicke Substanz klatscht einem geradezu eine. Dies kombiniert mit einem wahnsinnigen Drive, macht Singles zu einem Album voller Hymnen. Was irgendwie keinen Sinn macht.

Sieht man das Synth-Pop Trio nämlich mal live, hat man plötzlich drei ältere Menschen vor sich auf der Bühne stehen. Einer davon, Frontsänger Herrings, steht selbstbewusst mit reingestopftem Polohemd, khakifarbenen Hosen und einer irgendwie zu sitzenden Frisur auf der Bühne - ganz so wie Papa, wenn er beim Sonntagsfrühstück Motivationsreden für die ganze Familie hält. Und es funktioniert. Wir legen so viel Wert in das, was Herrings uns erzählt. Weil er souverän, selbstsicher und weise wirkt - nicht nur wegen seines Auftretens, auch wegen der Art und Weise, wie selbstverständlich er die Dinge besingt. Wir glauben ihn und lassen uns vom Schwung der Melodien mitreißen. Melodramatisch, pathetisch, vorantreibend - so klingt Singles.



Kid Francescoli - With Julia
kidfrancescoli withjuliaKid Francescoli kommt aus Marseille, Frankreich, macht Elektro-Folk und Indie Musik. Und ist bisher irgendwie untergegangen. Dank der Seriously, Eric? Compilation erst erlebt er seinen ersten kleinen Hype. Mit ihm rückt nun auch sein neuestes Album With Julia in den Vordergrund und entpuppt sich als eines der stärksten Alben dieses Jahres. Dazu hat er sich mit Sängerin Julia Minkin zusammengetan. Wie der Albumtitel irgendwie auch plump verrät. Doch wir schweifen ab. With Julia ist ein herrliches Album, auf dem mit Genres fröhlich variiert und experimentiert wird. So kann man Kid Francescoli auch kein wirkliches Genre zuschreiben. Hip-Hop, Balladen, Elektro, ausgeschmückt mit minimalen Elementen. Alles in einem Klangkonstrukt. Einige Songs kommen fast schlicht daher, entfesseln aber eine unglaubliche Wirkung. Es ist wahnsinnig schade, dass dieses Album so untergegangen ist, wo man bedenkt, dass es wirklich selten ist, dass eine ganze Platte auf Dauer nicht irgendwann monoton klingt.



Mac Demarco - Salad Daysmacdemarco saladdays
Mac Demarco ist ein echt merkwürdiger Kerl. Und keiner weiß so recht, wie er es schaffen konnte, mit seinem zweiten Studioalbum eine der besten Platten des Jahres zu machen. Aber der Kanadier hat es getan. Wirklich, ganz ehrlich: wir wissen nicht wie und können das Phänomen, dieses Mysterium um diesen komischen Kauz nicht lüften. Hört einfach mal rein und staunt selbst.









Angus & Julia Stone - Angus & Julia Stoneangusandjuliastone angusandjuliastone
Folk-Pop für Tagträumer und Kopfcineasten. Bringen wir es gleich auf den Punkt: Das dritte Album von Angus und Julia Stone ist ihr Bestes. Vier Jahre hat das Geschwisterpaar aus Sydney gebraucht, um ihr neues Werk fertigzustellen, zwischen Solo Projekten, Parisurlaub und vielen Festivalauftritten.

Während sich alles auf dieser Welt immer schneller dreht, scheinen Angus und Julia allerdings musikalisch absichtlich stehengeblieben zu sein. Angus & Julia Stone, selbstbetitelt, klingt nämlich ganz wunderbar nach damals. Was euch bei den 13 Songs der neuen Platte erwartet, ist nichts anderes als die reine Essenz dessen, was die Geschwister am Besten können: Folk-Pop für staubige Tagträume.




SOHN - Tremors
sohn tremorsNach zwei EPs veröffentlichte SOHN endlich eine komplette Platte. Tremors heißt sie und ist sehr ruhig, beinah still geworden. Die elf Songs sind immer von einer allumfassenden Einsamkeit überschattet. Sie fühlen sich kalt, depressiv, mechanisch und erstickend trostlos an. Tremors ist ein Album geworden, das man allein anhört. Am besten nachts. Vielleicht auch irgendwo in einer kleinen Blockhütte auf Island, weit weg von allen Freunden.

Lange Synthie-Flächen sind das Stilmittel und auffälligste Markenzeichen von Tremors. In dieser großen, elektronischen Freiheit kann man sich schnell verlieren. Die sanfte, hohe Stimme von SOHN versprüht dazu einen Hauch von wehklagendem Blues, klingt hypnotisch und sphärisch. Seine Lyrics über Selbstisolation und Verlust von Liebe sind genauso traurig wie verkopft. Die Platte ist genau richtig für Musik-Nerds, die gerne jede kleinste Kleinigkeit an Tönen und Wörtern auseinandernehmen. Außerdem lebt sie von Kontrasten und diesem aufwühlenden, allgegenwertigen Gefühl von Einsamkeit. Wir sind jedenfalls mal ernsthaft begeistert gewesen und irgendwie auch immer noch hypnotisiert.



Breton - War Room Stories
breton warroomstoriesIm Gegensatz zu ihrem Debüt, Other People's Problems, ist War Room Stories weniger elektronisch geworden. Alle Tracks wurden live in einem Take aufgenommen und nicht aus einzelnen Spuren zusammengesetzt. Trotzdem haben Breton es geschafft, viele Elemente mit einzubauen. Die Mischung an Genres ist so groß, dass man sie kaum aufzählen kann. Zum einen hören wir bei den Liedern "Search Party" etwas in Richtung Britrock raus. Angehaucht mit Klaviertönen, Gitarren und Drums. Zum anderen hört man deutlich elektronische Elemente, bei dem Beat von "Get Well Soon" haben wir erst an Elektro à la Gesaffelstein gedacht und "National Grid" hat Spuren von Drum'n'Bass drin. Trotzdem klingt alles nach einwandfreiem Brit-Pop. Um diese ganzen Einflüße zusammenzufassen müsste man wohl ein neues Genre erfinden.



Flight Facilities - Down to Earthflightfacilities downtoearth
Nach vier Jahren Karriere veröffentlichten sie endlich ihr Debütalbum. Dazu bequemten sich die Piloten von ihrem Höhenflug im Bereich Remixen endlich zu uns, runter auf die Erde und überraschten uns mit etwas, das wir absolut nicht erwartet hätten. Lasst es uns so sagen. Wenn DJs, die man vorher nur durch Remixe und Auflegen kannte, plötzlich ein ganzes Album ankündigen, hat man erstmal eine Scheißangst vor Monotonie. Bumm-Bumm-DJ-Kacke halt. Gerade, wenn es in den Elektrobereich geht.

Die Flight Facilities (aus Sydney und nicht Trinidad Tobago, wie auf ihrer Facebook-Seite angegeben) waren beim Produzieren ihres Albums nämlich ziemlich clever. Und haben sich einfach viele verschiedene Künstler geholt, die nicht nur verschiedene Stimmen (klar), sondern auch diverse Genres bedienen, um eine Variation in die Tracklist zu bringen. Und das hat ziemlich gut geklappt. Down To Earth kann man nun ziemlich gut durchhören, ohne sich zu langweilen.



Bahamas - Bahamas is Afiebahamas bahamasisafie
Mit Bahamas Is Afie veröffentlichte Bahamas ein sehr persönliches Album, indem er Kunstfigur hinter seiner Privatperson zurückstellt und sich erstmals so richtig outet.  Endlich trauen wir uns, den Musiker wirklich zu untersuchen, zu betrachten. Afie Jurvanem, der schon seit so vielen Jahren Musik macht, sich das Gitarrespielen selber beigebracht hat, schon mit Künstlern wie Jack Johnson und Feist zusammengearbeitet hat, bis er sich dann endlich dazu entschlossen hat, seine eigene Musik zu machen. Eine Art Folk-Rock, mal unheimlich smooth, mal ein bisschen heftiger. Eine Musik, die man seiner Heimat Kanada nicht unbedingt zuschreiben würde. Eher den südlicheren Staaten. Das liegt zum einen natürlich an seinem Künstlernamen, zum anderen ist es einfach sein warmer Klang. Sie ist ehrlich, das hört man. Weil sie nicht zu überladen ist. Wenn Bahamas Liebeskummer hat, muss er das nicht in einer groben Lautstärke seinen Hörern vermitteln. Er hat all die Ruhe dieser Welt, all die Geduld, ist bescheiden und besingt die Liebe an ihrem tiefsten Kern.

Mit seinem dritten Album, das im August veröffentlicht wurde, knüpft er an diesen Stil an - wenn es auch ein bisschen lauter geworden und weniger romantisch ist. Aber immernoch gemütlich. Hört man sich "All The Time" an, bekommt man das Bild eines großen Teddybären, der gerade Schritt für Schritt die Straße lang geht (oder zum Honigtopf) einfach nicht mehr aus dem Kopf. Afie Jurvanem ist dieser Teddybär.



Sinkane - Mean Lovesinkane meanlove
Im August dieses schönen Jahres erschien mit Mean Love das vierte Studioalbum von Ahmed Gallab besser bekannt als Sinkane. Der aus dem Sudan stammende Künstler begeistert uns nun schon länger, denn bei dem soulige Vibe seiner Musik kombiniert mit seiner sehr speziellen Stimme bleibt keine Auge trocken – oder besser keine Füße ruhig? Wie auch immer: Songs wie "Hold Tight" und "How We Be" hört ihr seither im egoProgramm.

Sinkane bewies uns wieder einmal, dass er zurecht aus dem Schatten von Of Montreal und Caribou herausgetreten ist, bei denen er Anfang seiner Karriere nur als Gastmusiker fungierte. Mean Love  war ein Album für all diejenigen, die auf einer Platte nicht den ewig selben Einheitsbrei erleben wollten, sondern denen die Abwechslung aus Soul, Funk und Pop den Sommer erst richtig versüßte.



RUN THE JEWELS - Run The Jewels 2

runthejewels rtj2Killer Mike hat eine Mordswut in sich
 und entlädt diese wie gewohnt in zynischen, wahren und zornigen Reimen und bleibt damit einer der unbequemsten Rappern, da er die Dinge, die ihn ankotzen nicht nur erwähnt, sondern sie zur Rede stellt, ihnen ins Gesicht schreit und zur Not auch eine schmiert. Verbal natürlich. „Early“ wurde zum Beispiel über die Ereignisse in Ferguson geschrieben, als dort erst der Jugendliche Michael Brown erschossen und die anschließenden Proteste zum Teil gewaltsam beendet wurden. Killer Mike hatte sich des Öfteren über das Thema ausgelassen, in einem langen Essay und im amerikanischen TV. 

Das Album erlaubt sich keine Pause. El-Ps Beats treiben voran, auch sie sind stinkwütend. Mit Travis Barker und Zach De La Rocha (Rage Against The Machine) haben sie auch noch zwei namhafte Features, die sie, um ehrlich zu sein, gar nicht bräuchten.

Das komplette Album gibt's als CD, Platte oder digital sowohl zum Kaufen, als auch für lau. Allerdings ist es so gut, dass wir uns fast ein bisschen schämen, es anzunehmen.



Bildquelle: Flickr | Amy Carter | cc by 2.0