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Lena Bloggt Fern-Freundschaften Titelbild
Donnerstag, 16. Februar 2017, 00:00 Uhr

Fern-Freundschaft - kann das gut gehen

Lena Bloggt

Die Generation Freiheit und Flexibilität sieht sich nicht nur den Problemen gegenüber stehen, welche direkt existieren, sondern auch den Auswirkungen eben dieser Unstetigkeit des Lebens: Das Resultat sind Freundschaften auf Distanz.


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Wer im Auslandssemester war, in einer anderen Stadt studiert hat oder für den Job umgezogen ist, kennt diese Art der Freundschaft nur zu gut aus der Perspektive des Weggehenden - die Fern-Freundschaft. Aber auch sesshafte Vertreter unserer Gattung trifft sie oft hart und unerwartet, wenn der Kumpel oder die liebste Arbeitskollegin - dem Job, der Liebe oder dem Abenteuer wegen in eine andere Stadt zieht.

Beide Perspektiven sind mir sehr geläufig! Aus dem Norden kommend habe ich in zehn Jahren in vier unterschiedlichen Städten, vom Norden bis in den Süden Deutschlands, gewohnt. 2014 verbrachte ich in Indonesien für eine ziemich heimelige und lange Zeit. Neben eigenen Veränderungen, haben Freunde überall auf der Welt ein neues zuHause gefunden. Und nun frage ich mich öfter: "Wie bleiben wir Freunde?" Jeder, der so einen oder so einen ähnlichen Lebensweg geht, der weiß: "Kommunikation ist alles". Aber reicht das?

Im Studium "Internationales Management" lernten wir ein Semster lang, bevor jeder für 2 Jahre ins Ausland gehen sollte, welche Phasen man in so einer Zeit, weg von zu Hause erlebt: Euphorie, Heimweh, Ernüchterung und Neusortierung. Diese Gefühlsperioden, durch die jedes sich ortsmäßig verändernde Individuum geht, sind ebenfalls gekennzeichnet durch die Veränderung der Beziehungen und auch dem Aufbau und Verlust von Fern-Freundschaften. Was erwartet euch also:

Euphorie

Du bist weg: Endlich ein neuer Schritt in deinem Leben! Du bist einfach fast ausschließlich damit beschäftigt alles irgendwie zu organisieren. Dabei überkommt dich immer wieder kurz heimlich das Gefühl, dass sich alles ändern wird für deine Freundschaften. Jeder in dieser Situation wird den Gedanken automatisch so schnell wie möglich verdrängen. Das wäre zuviel für das kleine Herz! In der neuen Stadt oder dem neuen Land gibt's dann erstmal so viele neue Menschen, dass du damit beschäftigt bist, abwechselnd Namen zu lernen und jedem deiner "alten Freunde" am Telefon ausführlich und euphorisch von deinen neuen Bekannten zu berichten. Dein Leben ist eine Achterbahn.

Dein Freund/Freundin ist weg: Du schluckst einmal so richtig alles runter, als dir eine Freundin oder dein Kumpel berichtet, dass er sich auf macht in eine andere Stadt, aber dann bist du ehrlich euphorisch für den anderen. Es gibt keine bessere Lösung und so freust du dich über den Studienplatz oder den neuen Job, der ansteht, und der deine liebste Person so glücklich macht. Aber was tatsächlich im Inneren überwiegt, ist unglaubliche Trauer. Diese Gefühle kannst du allerdings nicht zeigen, weil dein Freund dir so wichtig ist. Bis zu dem Moment, wo der andere zum Abschied winkt. Und du dir zwei Tage die Augen aus dem Kopf weinst. Danach versuchst du dich mit deinen noch übrig gebliebenen Freunden und deinem Alltag abzulenken.

Heimweh

Du bist weg: Es wird vermutlich jeden treffen - laut Experten wird es dir etwa nach drei Monaten schlecht gehen und du wirst deinen besten Freund / deine beste Freundin, die dich in und auswendig kennt und deine Macken liebt, einfach nur vermissen. Vielleicht wirst du hemmunglos am Telefon heulen und anfangen den nächsten Trip zu ihr oder zu ihm zu planen. In dieser Phase geht es um alles, denn auch von weit weg ist es wichtig den anderen an seiner Seite zu wissen. Wenn da niemand mehr ist, dann wird man sich unheimlich im Stich gelassen fühlen.

Dein Freund/Freundin ist weg: So langsam hast du dich daran gewöhnt, dass der andere nicht länger physisch anwesend ist und du versuchst einen regelmäßigen Rhythmus für Telefonate oder Whats App Nachrichten zu finden. Außerdem blieb ja viel beim Alten und so fängst du langsam an neue Freunde häufiger zu sehen und die mehr und weiter in dein Leben zu lassen. Ein bisschen hliflos fühlst du dich, weil es deiner Lieben / deinem Lieben nicht so gut geht, aber du bist gerne "der Retter in schillernder Rüstung" und besuchst sie / ihn in der neuen Heimat.

Ernüchterung

Du bist weg: So langsam verstehst du, was deine wohnliche Veränderung wirklich für Konsequenzen hatte. Du kannst unmöglich zu allen neuen potenziellen Freunden eine Freundschaft aufbauen und gleichzeitig mit allen alten Freunden Kontakt halten. Klar ist, dass es auf Kosten des einen oder des anderen geht. Wichtig ist hier Ruhe zu bewahren. Erkläre den alten Freunden, dass du dich nicht mehr jeden Tag melden wirst und sie aber trotzdem liebst. Gleichzeitig sollen die neuen Menschen in deinem Leben verstehen, wie du dich fühlst und du solltest dich ihnen langsam anvertrauen. Wenn sie verstehen, dass zwei oder mehr Herzen in deiner Brust schlagen, dann wirst du dadurch nur menschlicher und das ist der erste Schritt zu neuen Freundschaften. In dieser Zeit NIE vergessen genug Zeit für dich einzuplanen, die kommt häufig mal zu kurz.

Dein Freund/Freundin ist weg: Sie oder er meldet sich weniger und du bekommst Angst, dass du ganz vergessen wirst! In dieser Zeit möchtest du nur ein bisschen Sicherheit, aber du hast das Gefühl deine Freundin/ dein Freund entfernt sich ein wenig von dir. So ist das vielleicht einfach, wenn man nicht mehr jedes Wochenende durch die Clubs der Stadt tanzt oder sich in einer viel zu langen Nacht die tiefsten Sehnsüchte berichtet. Gleichzeitig läuft dein Leben auch weiter und du fühlst dich inzwischen in der Realität eurer Fern-Freundschaft angekommen.



Neusortierung und Alltag

Du bist weg: Alles pendelt sich ein. Hier ist Akzeptanz wichtig! Manchmal heißt das auch, dass sich zeigt, wer wirklich bleibt. Die Zeit und der Tag sind endlich und so haben manche Freundschaften über die Entfernung einfach nicht überlebt. Die, mit denen du aber Kontakt hälst, die sollten dir wichtig sein und sich nicht einfach wie eine Pflichterfüllung anfühlen. Ebenfalls lasst ihr euch und eurer Fern-Freundschaft Platz dafür, dass jeder weiter wachsen kann. Und inzwischen seid ihr euch einig, dass eure Freundschaft alles übersteht. Wenn ihr euch mal nicht hört, wisst ihr, dass ihr immer im Herzen eine Verbindung habt, komme was wolle. Aber dennoch versteht ihr auch schmerzhaft, dass es bedeutet den anderen ein bisschen loszulassen und dass sich eure Freundschaft durch eine so große räumliche Veränderung halt auch mit verändert. Du ziehst jetzt mit anderen Freunden am Wochenende um die Häuser oder gehst nach der Arbeit noch an den See. Aber die Erinnerung und Freundschaft zu den Fern-Freunden wird das nicht ändern.

Dein Freund/Freundin ist weg: Jetzt ist es auch offiziell bei dir angekommen: "Sie ist weg / er ist weg." Aber gleichzeitig hast du realisiert: "Du bist nicht allein allein...!" Ihr seid für immer verbunden und werdet euch einfach immer, wenn ihr Sehnsucht habt und Zeit und Geld, besuchen. Es wird zwar eher selten sein, aber diese Male möchtest du genießen und immer wieder in schönen Erinnerungen schwelgen und neue mit deinem Lieblingsmensch sammeln. Keiner kennt den anderen halt bisher besser als du und du bist heilfroh, dass ihr die schwierigste Phase überstanden habt. Mit manchen Fern-Freundschaften wird es an dieser Stelle schon vorbei sein. Ihr hört euch nur noch sporadisch und wisst eigentlich, dass ihr vielleicht nur so richtig funktioniert, wenn ihr an einem Ort seid. Das ist zwar wirklich eine traurige Erkenntnis, aber das Leben ist nun mal Veränderung und nicht Stillstand. Das nächste Mal allerdings, wenn auch dieser weniger enge Fern-Freund  in der Stadt ist, freust du dich natürlich trotzdem von ihm zu hören und zusammen ein Bierchen zu trinken - wenn es die Zeit erlaubt.