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P428795 von Crosa
Freitag, 12. Mai 2017, 00:00 Uhr

Junggesellenabschiede: Irgendwas mit Griechenland. Saufen!

Sophia bloggt

In 15 Regensburger Kneipen heißt es für Junggesell(inn)en und Gefolge jetzt: Wir müssen draußen bleiben. Währenddessen frage ich mich: Wie sind die überhaupt bis dorthin gekommen?!

Bis vor Kurzem konnte ich von mir behaupten, noch nie Teil eines Junggesellinnenabschiedes gewesen zu sein. Dann traf es mich und zwar richtig dicke: Ich erhielt nicht nur eine Einladung zu einem echten „Hen’s Do“, nein, es sollte gleich ein dreitägiger Ausflug in einer Gruppe von sechs Mädels werden. Nach Bangkok.

Sofort standen mir die gängigen Horrorvisionen vor Augen: Schnäpse in undefinierbaren Geschmacksrichtungen, die aus einem Bauchladen verkauft werden, rosa Schärpen, Plastikkrönchen und irgendwas mit Dildos. Zum Glück waren diese Sorgen (fast) unbegründet – aber dazu später mehr. Denn häufig laufen Junggesell(inn)enabschiede tatsächlich genauso ab: Viele Promille, wenig Niveau. Deshalb haben sich in Regensburg jetzt 15 Kneipenbesitzer zusammengetan und bekanntgegeben, dass sie solchen angezwitscherten Grüppchen aus feierwütigen Mädels und natürlich Jungs keinen Einlass mehr gewähren werden. In München gilt das in vielen Biergärten schon eine Weile.

Was bist du und was machst du hier?
Man muss jedoch kein Kneipenwirt sein, um die unangenehme Seite der Abschiedszeremonie aus dem ehelosen Leben zu kennen. Im Sommer genügt ein Blick auf die Straßen größerer deutscher Städte und auch im Internet liest man überall, dass der Trend aus Großbritannien / Amerika kommt und zunehmend sexualisiert, alkoholisiert und in der Öffentlichkeit abgehalten wird. Ich persönlich frage mich da jedes Mal: Welche Tradition wird da überhaupt zelebriert? Soll da irgendeiner Sache gedacht werden und wenn ja, wie zur Hölle wurde draus „Zwei Stunden Peinlichkeit und an den Rest erinnere ich mich nicht“?

Das Internet spuckt dazu widersprüchliche Informationen aus. Die Seite „Fernsehen aus Niedersachsen“ zum Beispiel schreibt: „…Genau genommen sind die ersten Aufzeichnungen aus Sparta hervorgegangen. Sollte sich der potenzielle Ehepartner als unwürdig erweisen, konnten die Eltern der Braut die Heirat verweigern. Aus diesem Grund wurde der Bräutigam auf die bevorstehende Verbindung vorbereitet.“ Betitelt ist der Artikel mit: „Junggesellenabschied: Schon im antiken Griechenland ein Muss“ Ahja. Und wo genau versteckt sich der Teil mit der Stretchlimousine und der Stripperin? Diese Seite, die T-Shirts für den Anlass bedruckt, informiert ihre Kunden folgendermaßen: „Der Brauch des Junggesellenabschieds geht bereits in die Geschichte des antiken Griechenlands zurück. Die Idee dazu hatten die Freunde eines Spartaners für dessen Hochzeit.“ Also war es der Freund eines Spartaners, der einst vorschlug, Kondome aus einem Bauchladen zu verkaufen? Vielleicht finde ich die Antwort bei den Leuten von Pissup. Das Teamfoto strahlt auf jeden Fall Professionalität aus, die hippen jungen Menschen darauf stellen sich vor mit: „Hallo! Wir sind die beste Reiseagentur Europas für Junggesellenabschiede“. Die müssen es also wissen. Und was steht da über die Tradition? „Es ist bekannt, dass schon die Spartaner im fünften Jahrhundert vor Christus die letzte Nacht des Bräutigams als Junggeselle feierten, sie veranstalteten ein Dinner für ihre Freunde und stießen auf die bevorstehende Hochzeit an.“ Na, so ein Zufall!

Zwischen all diesen Zeilen lese ich nur: „Irgendwas mit Griechenland. Saufen!“. Am ehesten bin ich geneigt, Wikipedia zu glauben. Dort steht, dass sich zum Junggesellenabschied die Väter des Brautpaares im Haus des Bräutigams trafen, um ihn auf Herz und Nieren (und Würde) zu prüfen.

Alles ist gut, solange du brav bist
Mit Würde haben diese Unternehmungen heutzutage allerdings nicht mehr so viel zu tun. Das malerische Regensburg mit seiner hohen Kneipendichte wird als Junggesellenabschiedshochburg gefeiert, folglich ergießt sich die Peinlichkeit dort regelmäßig aus Reisebussen. Martin Stein von der Wunderbar in Regensburg ist ebenfalls unter den Wirten, die keine solche Gruppen mehr in ihrer Kneipe haben möchten. Er hat uns erzählt, dass das in seiner Anfangszeit als Wirt noch nicht so war:



Was auch immer genau hinter dem Junggesellenabschied steckt, heutzutage ist oft nicht mehr viel mehr übrig als ein Anlass zur Orgie. Andererseits weiß Wikipedia auch, dass sich der Trend weiterentwickelt, und zwar hin zu einem professionell organisierten Ausflug unter guten Freunden. Womit wir wieder bei meinem Bangkok-Trip wären: Ja, wir hatten gleiche T-Shirts (aber schwarze), ja, wir hatten Einweg-Tattoos und ja, wir haben durch Strohhalme in Penisform getrunken, die im Dunkeln leuchten. Aber das war nur ein Abend – und in Bangkok braucht es deutlich mehr, um deplatziert zu wirken. Ansonsten war es ein ganz normaler Ausflug mit netten Menschen und viel Kultur (und gar nicht mal so größenwahnsinnig, denn alle anderen kamen aus dem Nachbarland).

Fest steht jedenfalls: Verbindliche oder zumindest etablierte Bräuche gibt es nicht wirklich. Vom klassischen Polterabend bis zum fernöstlichen Städtetrip ist alles denkbar. Einigermaßen anständig bleiben sollte man sowieso. Und dann steht auch dem gemütlichen Umtrunk in der Regensburger Kneipe nichts im Weg:



Bildquelle Titelbild: flickr |P428795 von Crosa | cc by 2.0