egoBlog
hiphop_flows_2000_flickr
Freitag, 29. Dezember 2017, 00:00 Uhr

2017 - Jahr des HipHop

Bombastischer Anstieg der Streamingzahlen

2017 wird in die Geschichte eingehen als das Jahr der Fidget Spinner, Bitcoins, Donald Trumps und, siehe an, des HipHops.

Ein Anstieg der HipHop-Streams von 74% verglichen zum Vorjahr beim Branchenprimus Spotify deutet auf einen regelrechten Erdrutsch in unseren Hörgewohnheiten hin
. Auch auf der sich zugegebenermaßen im Moment mühenden Plattform Soundcloud bestehen die Jahres Top 50 aus sage und schreibe 50 HipHop Songs – 100 Prozent! So deutlich sind nicht einmal die lupenrein demokratisch erhobenen Wahlergebnisse Nordkoreas. HipHop ist im Moment so groß, wie nie zuvor: US- Marktforscher berichteten schon Mitte des Jahres 2017, dass HipHop (25,1%) erstmalig als meist gehörtes Genre am ewigen Thronhocker Rock (23%) vorbeiziehen konnte. Wie kann man sich diese blitzartige Entwicklung zusammenreimen?

Der Versuch einer Erklärung

Nun erst einmal gilt festzuhalten, dass all dies sicherlich nicht von gestern auf heute geschah, sondern womöglich schon vor mehr als zehn Jahren seine Wurzeln schlug. Spätestens zu diesem Zeitpunkt nämlich wurden leistungsfähige Rechner für große Personenkreise erschwinglich. Diese Computer wurden nicht nur genutzt um Moorhühnern Schrot durch die Birne zu jagen. Mit ein wenig gecrackter Audiobearbeitungs-Software und einem Mikrofon konnte auch in briefmarkengroßen Schlafzimmern ein Musikstudio für wenig Geld entstehen. Ein riesen Vorteil besonders für HipHop und Elektro gegenüber aufwändigen, mehrköpfigen Bandprojekten, denn oft reicht schon ein einziger talentierter Mensch um ein komplettes, funktionierendes Projekt auf die Beine zu stellen. Über Portale wie YouTube und Soundcloud finden diese Werke ohne ein Dazwischenfunken von Dritten ungefiltert ihren Weg ins Internet und damit auch zu interessierten Hörern.

Nicht nur das dadurch alte Paradigmen wie das Albumformat langsam auseinander bröseln - isoliert stehende Singles und EPs werden immer häufiger - wir erleben auch eine Blüte der Mastermind-Künstler, die alles komplett in eigene Hände nehmen. Der technische Fortschritt ermöglicht es Musikern wie Frank Ocean, Kevin Parker mit Tame Impala oder auch Kanye West komplett auf sich selbst gestellt ihre eigenen Visionen zu verwirklichen ohne sich künstlerischen Kompromissen unterwerfen zu müssen. Das Ergebnis sind nahezu schon kreative Explosionen, Genregrenzen werden gesprengt und auf uns rieseln aufregende neue Klänge.

Der nächste Grund für den HipHop-Boom ist so wichtig wie auch simpel: Es wurden einfach enorm gute Alben in 2017 veröffentlicht. Allen Voran Kendrick Lamars DAMN., die Musikpresse jazzte es regelrecht in den Himmel, die Jahresbestlisten platzierten es fast ausnahmslos auf ihren einstelligen Plätzen und die neunstelligen Streamingzahlen nickten dazu bejahend im Takt von "HUMBLE". Tyler the Creator legte spätestens jetzt mit Flower Boy sein Gesellenstück ab, ebenso wie Jungspund Vince Staples mit Big Fish,und dass Drakes Album/Playlist wegging wie warme Bytes über die Internettheke – geschenkt.



Schon längst ist die Besprechung dieser Juwelen nicht mehr nur das Brot und Butter Geschäft von HipHop-Magazinen und Internetseiten, sondern auch jede große Tageszeitung, die etwas auf ihr Feuilleton Ressort hält, druckt großflächige Features und Interviews und selbst Präsident Barack Obama lud seiner Zeit gerne einmal K.Dot oder auch Jay-Z ins Weiße Haus.

Besuch, der bei Donald Trump höchstwahrscheinlich nicht zu erwarten ist. So wenn er auch keine Einladungen in seine bescheidene Behausung austeilt, sorgt seine Politik wenigstens für eine Menge musikalisch aufzuarbeitenden Stoff. Womit wir beim nächsten großen Pluspunkt von Rap wären: Protest. In Rap Songs lässt sich traditionell viel Text unterbringen und in viel Text stopft ein Geübter auch gleichzeitig viel Message. Wie stark die Empfänger diese Nachrichten absorbieren lässt sich schlecht sagen, darüber geredet wird aber auf jeden Fall, sei es mit Freunden oder den Arbeitskollegen und somit kann eine weitere Verbreitung stattfinden.

Interessanterweise scheint sich auch Spotify seiner Rolle als Zufluchtsort bewusst zu sein, so heißt es auf der Startseite der persönlichen Jahresrückblicksseite übersetzt:

In einem Jahr, in dem viele einfach nur noch weghören wollten, gab Musik uns einen Grund weiter zuzuhören.
Wahrere Worte wurden selten gesprochen.

Eine weitere mögliche Erklärung für Spotifys 74%-Ansteig ist ebenfalls recht banal: Die Eigenart des Streaming an sich sorgt für einen höheren HipHop-Konsum. Nehmen wir einmal an, dass HipHop besonders häufig von einer jüngeren Altersgruppe gehört wird und dass vor allem jüngere Menschen sich im Internet und seinen Streamingangeboten wohlfühlen, dann würde dies zu einer überdurchschnittlich HipHop-affinen Nutzergruppe führen. Eben diese Gruppe wird von Spotify und Konsorten fürsorglich mit Sprechgesang und extra kuratierten Playlisten gefüttert. Allein die Playlist Rap Caviar verzeichnet über acht Millionen Follower und verfügt darüber auch unbekannteren Künstlern einen Raketenstart in die finanziell lohnende Stratosphäre zu ermöglichen. Und wenn man erst einmal ein wenig HipHop gehört hat, füllt der Algorithmus die persönlichen Empfehlungen in wiederum neue Playlists wie zum Beispiel Dein Mix der Woche – der Effekt verstärkt sich und man wird in eine Art schwarzes HipHop-Loch gezogen.

Ihr fragt euch jetzt vielleicht, ob diese HipHop-Welle auch egoFM überrollt hat? Die Antwort ist Nein: Wie auch im Jahr zuvor haben wir einen HipHop Anteil von etwa 14%.


Bildquelle: flickr | "mid80showwedo" von flows_2000 | cc by-sa 2.0