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foals_konzert
Donnerstag, 23. Juni 2016, 09:00 Uhr

Die Sache mit Smartphones auf Konzerten

Nieder mit den Hobby-Konzertfotografen

Radiohead haben anscheinend gar keine Lust, wirklich erlebt zu werden, während andere Künstler wie The Lumineers gerade eine ganz neue Sache gegen die Smombie-Armada feiern: Neopren-Hüllen mit Schloss.

Nachdem das letzte Radiohead-Album so manch einen Radiohead-Hasser auf die Radiohead-Ok-Finder-Seite gezogen hat, dürfte sich die kurze Romanze mit der neuesten Aktion der Band nun schon wieder erledigt haben. Zumindest für diejenigen, die Konzerte ganz gerne so richtig erleben - nämlich mit den Augen, statt durch die Smartphone-Linse. Radiohead fänden es nämlich irre cool, wenn so viele Konzertbesucher wie möglich ihr Handy während der Performance zücken würden. So war es zumindest bei ihrem Gig beim Secret Solstice Festival in Island, wo sie extra für freies WLAN gesorgt haben, damit die Leute die Performance via Periscope zum Streamen bereitstellen konnten. Welche Qualität so ziemlich 100% der Videos hatten, seht ihr ►HIER.

Na klar: Es ist super, ja wirklich großartig, wenn solche Events für alle irgendwie zugänglich sind, sei es auch nur über einen Bildschirm. Aber braucht es das echt auf diese Weise? In so einer Qualität? Statt irre vielen gezückten Handys, die im Endeffekt nur Mistquali raushauen, wäre doch ein professionelles Kamera-Team, das unsichtbar gegenüber dem Publikum agiert, viel, viel, viel besser.

Aber gut, es ist eben so eine klassische Radiohead-Aktion: einfach anders sein als alle anderen. Denn zum Glück gehören sie unter den Künstlern zu einer Minderheit, die meisten sind mindestens genauso genervt von den ewigen Konzertfotografen und -filmern. Florence + The Machine, zum Beispiel. Und The Lumineers. Auch Adeles Ausraster ist noch ganz frisch in Erinnerung. Die freuen sich nun aber alle über die Erfindung von Graham Dugoni. Der hat nun nämlich eine Neopren-Hülle entwickelt, in die man das Handy stecken muss, sobald man das Konzert-Venue betritt. Und darin eingeschlossen wird. Yondr nennt sich die Innovation und funktioniert so ähnlich wie die Sicherheitsschlösser an Klamotten: Sobald man einen bestimmten Ort außerhalb des Venues erreicht hat, werden sie entsperrt.

Kamera, Facebook, Instagram - gar nichts kann man mehr bedienen. Klingt gut. Jedoch klares Manko dabei: Der Notfall. Zum Beispiel im Falle eines Anschlags. Graham Dugoni hat zumindest teilweise daran gedacht: Bei jedem Venue gibt es mehrere Stationen zum Entsperren der Hülle. Angestellte können diese aktivieren und somit alle Handys entsperren. Im Interview mit Consequence of Sound sagt Dugoni allerdings dazu, dass es auch gar nicht mal so unnütz für die Besucher sein könnte, sich erst ums Überleben zu kümmern, statt das Handy zu bedienen.

Hier könnt ihr das komplette Interview anschauen:



Und nun auch von unserer Seite: Ein Appell an die unverbesserlichen Konzertfilmer und all diejenigen, die sich im Club lieber mit ihrem Smartphone, als mit tanzen beschäftigen.

Hach, was waren wir alle froh, als das erste Smartphone auf den Markt gekommen ist. Endlich hatten wir Handy, Kamera, MP3-Player, Navi und Minicomputer in einem. Ab sofort waren wir immer und vor allem überall erreichbar. Was hat das unser Leben bereichert. Leider zog das Ganze einen ewig langen Rattenschwanz nach sich: Plötzlich wurden wir vermeintlich unentbehrlich für andere, die ohne unsere sofortige Antwort möglicherweise sofort explodieren. Und wir wurden süchtig. Süchtig nach Likes und süchtig nach Aktualität.
Jede Minute müssen wir nun unser Handy checken, weil irgendetwas neues auf Facebook, Twitter oder WhatsApp passiert ist. Alles musste von nun an fotografiert werden. Unsere Essgewohnheiten, Haustiere und Outfits werden auf Instagram akribisch festgehalten.

Genauso muss man der virtuellen Welt den Riesenspaß präsentieren, den wir in unserer Freizeit haben. Also stehen wir auf Konzerten oder im Club, halten unsere Hände über den Kopf und versuchen den ganzen Abend lang, das perfekte Foto zu knipsen, das all unseren virtuellen Freunden und Followern zeigt, wie viel Spaß wir gerade haben. Eine verdammte Lüge. Wie witzig kann das schon sein?

Welch absolut widerlich Dimensionen dies schon vor drei Jahren angenommen hat, zeigt ein Boiler Room Set von San Soda. Egal, wo ihr in das Video skippt, ihr seht sie: Die Blue Faces. Personen, die auf der verdammten Tanzfläche, direkt hinter dem DJ stehen und auf ihr bescheuertes Handy starren. Was, liebe Freunde, was ist so wichtig in diesem Moment? Aber noch viel wichtiger ist die Frage: Warum bemüht ihr euch extra in den Club, wenn ihr doch ganz einfach Daheim, in eurem sicheren WLAN bleiben könntet? 

Das dürfte sich auch der Berliner DJ San Soda damals gedacht haben. Bestimmt konnte er nächtelang nicht schlafen und musste grübeln. Toll gemacht, Blue Faces! Den repräsentativsten Bildausschnitt hat er als Facebook-Titelbild verewigt.

Dass es nicht nur ihn als DJ, sondern auch die Künstler auf der großen Bühne stört, von tausend Linsen fixiert zu werden, zeigt nicht nur Adeles Ausbruch. Auch Jack White äußerte sich in einem Interview mit Consequence of Sound schon über die Dreistigkeit mancher Konzertgänger:


People can’t clap anymore, because they’ve got a fucking texting thing in their fucking hand, and probably a drink, too!

Fast noch schlimmer sind aber die Konzertfilmer.
 Ein Foto, na gut, das soll einem gegönnt sein, aber ein ganzes Video? Sowohl in schlechter Bild-, als auch Audioqualität? Warum, Freunde, warum zahlt ihr Geld für etwas, an das ihr euch später nicht mal mehr erinnern könnt. Warum solltet ihr für ein wirklich, wirklich schlechtes Video so viel Geld ausgeben, das es eh schon tausendfach auf YouTube gibt, gefilmt von einem ähnlichen Deppen? Wäre es nicht sinnvoller, das Konzert in vollen Zügen zu genießen, zu tanzen, sich an den bunten Lichtern zu erfreuen OHNE das ganze in schlechter Auflösung auf dem Handy zu haben?

Fakt ist: Wir sind zu unreif für Smartphones. Wir kommen nicht klar damit, können den Gebrauch irgendwie nicht kontrollieren. Deswegen ist die Entwicklung von etwas wie Yondr - wenn auch in verbesserter, sicherer Ausführung - notwendig . Das ist ganz schön kacke, dass es so weit kommen musste. Aber hilft ja nichts.