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modern art
Dienstag, 31. Mai 2016, 16:00 Uhr

Ist das jetzt Kunst oder kann das weg?

Linda bloggt

Da legt jemand eine Brille auf den Boden einer Galerie und plötzlich glauben alle, es sei Kunst. Kunst? Keine Kunst? Man weiß es eben einfach auch nicht.

Alles ist Kunst
Behauptet zumindest Joseph Beuys. Würde das stimmen, wäre die Frage, was Kunst sei, keine Frage mehr und hiermit beantwortet. Aufweichende Subjektivierungen machen eben alle Nachfragen hinfällig.
Ob das schön ist? Das liegt im Auge des Betrachters. End of story. Wenn Kunst aber alles sein kann, dann ist Kunst auch nichts. Denn irgendwo muss sich ja der Künstler mit seiner Installation abgrenzen, damit die goldene Gabel nicht einfach nur eine goldene Gabel ist, sondern etwas darüber hinaus bedeutet.

Als Laien-Museumsgänger (oder vielleicht sogar als Jahresabo-Museumsgänger) weiß man oft aber auch einfach nicht, was man da genau sieht. Ist das jetzt Kritik an der Massentierhaltung oder nur ein liegengelassenes Wurstbrötchen? Beziehungsweise: Ist das jetzt Kunst oder kann das weg?

Vor Kurzem wurde das ziemlich schön ziemlich klar. Ein 17-Jähriger hatte im San Francisco Museum of Modern Art eine Brille in einer Ecke des Ausstellungsraums platziert. Und siehe da, die Allermeisten dachten, es sei Kunst.

teejay

teejay, wie er sich auf Twitter nennt, hat das in der Vergangenheit bereits mit Baseballmützen und anderen Alltagsgegenständen erprobt. Und schon heißt es, teejay sei selbst ein Künstler. Wieso gehen solche Kategorisierungen eigentlich so unheimlich schnell?


Die Pissrinne
Lange Zeit ist's her, da hat ein französisch-amerikanischer Maler und Objektkünstler namens Marcel Duchamp den ersten Stein geworfen: 1917 stellte Duchamp ein schnödes handelsübliches Urinal im  New Yorker Grand Central Palace aus - ein Ready Made, also einen gefundenen Gegenstand - und entfachte damit eine ziemlich grundlegende Diskussion über die Definition moderner Kunst. Was darf Kunst eigentlich? Und wie grenzt man sie von Alltäglichem ab?

Pissoir
Bildquelle: Tate | Replik of Duchamps Fountain

I could do that! Yeah, but you didn't.
Ist Kunst dann Kunst, wenn man sich dabei etwas gedacht hat? Kann ein Wurstbrötchen Kunst sein, wenn es mehr bedeutet als Wurst auf Brötchen? Jeder kann eine Pissrinne ausstellen, aber Duchamp hat es gemacht, das Pissoir als "Nicht-Ausstellung" deklariert und damit eine Diskussion über Kunst entfacht.


Der sterbende Hund
San José Guillermo "Habacuc" Vargas" hat sich etwas gedacht. Höchstwahrscheinlich. Er fing 2007 im Armenviertel des nicaraguanischen Managua einen abgemagerten Straßenhund und kettete ihn in einen Ausstellungsraum der städtischen Galerie. Mit Trockenfutter schrieb er: "Du bist, was du liest". Einen Tag später war der Hund verhungert.
Nicht schön. Sogar sehr traurig. Dennoch gab es dafür auch ein wenig Beifall, denn obwohl einige es als Schande für die Kunst bezeichneten, werteten es andere als eine kritische Inszenierung des Künstlers.

Der Hund aus meiner Austellung ist heute lebendiger als je zuvor, weil immer noch über ihn gesprochen wird.
- so Vargas.

Was auch immer es gewesen ist, der Hund ist tot und man fragt sich unweigerlich: Darf Kunst das? Ist Kunst auch dann Kunst, wenn dafür ganz klar ein Lebewesen missbraucht wurde? Oder wurde der Hund nur deshalb zur Kunst, weil er in einem Museum, in einem künstlerischen Raum, gestorben ist? Wäre er auf der Straße gestorben, hätte es niemanden gekümmert.


Man weiß es halt nicht
Ich sag mal so, ich kann mit moderner Kunst meist nur dann etwas anfangen, wenn mir die dazugehörige Beschreibung an der Wand ganz genau erklärt, um was es geht. Da steht man sonst und blickt auf - sagen wir - die Installation "Der Hirsch". Was man sieht ist Folgendes: drei verschieden große Metallplatten in einem sonst sehr leeren Raum. Alles sieht ein bisschen aus wie eine Schrottsammlung. Und würde sie nicht in der Galerie stehen, wäre es auch einfach nur eine Schrottsammlung.

Kunst sollte nicht nur dann Kunst sein dürfen, wenn sie sich in einem dafür vorgesehenen Rahmen befindet aber klar ist, dass Kunst einen individuellen Zugang braucht. Findet man den Zugang nicht, ist es scheißegal, ob das Objekt in einer Galerie oder auf einer Parkbank liegt.
Ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, die Diskussion über die Definition von Kunst könnte in weiten Teilen hinfällig geworden sein. War es nicht schon immer so, dass irgendwer gesagt hat "Das ist jetzt Kunst" und ein paar andere so "Boah, ja, Kunst!" - und dann war es eben Kunst.


Bildquelle: Blogspot