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Montag, 12. September 2016, 08:00 Uhr

Macht Musikhören wieder zum Hobby!

Damit's nicht zur Banalität verkommt

Wann habt ihr euch das letzte Mal wirklich hingehockt, ein Album angeschmissen und komplett und chronologisch durchgehört? Immer mehr lassen wir Musik zum trivialen Geplätscher nebenher verkommen. Und das sollte sich ändern.

Freilich hören wir viel Musik. Zum Beispiel auf dem Weg in die Arbeit/Uni/Wasauchimmer. Wir hören Musik beim Warten auf Bus/Zug/Flieger. Wir hören Musik beim Kochen/Putzen/Baden. Aber dass wir uns wirklich für ein paar Stunden hinhocken, eine Platte anschmeißen und einfach nur lauschen, scheinen wir verlernt zu haben.

Woran könnte das liegen.

Mangelnde Aufmerksamkeit. Eine Studie aus 2015 bewies, dass unsere Aufmerksamkeitsrate mittlerweile kürzer ist als die eines Goldfisches. Acht Sekunden, nämlich. Da erscheint die Länge eines durchschnittlichen Songs (ca. drei Minuten) natürlich ewig. Dann ein ganzes Album anhören? Da würden sich Künstler besser tun, wenn sie eine Stunde Klangmaterial in 450 achtsekünden Tracks verpacken würden.

Keine Zeit. Jaja, wir sind alle schon arg beschäftigt, um ein tolles, ausgewogenes Leben zu haben. Ja genug schlafen, bloß genug Sport machen, Yoga in jede freie Minute stopfen und nach der Arbeit muss man dringend socializen. Da bleibt einfach keine Zeit, sich einfach mal ganz normal zu entspannen und ein blödes Album durchzuhören. Höchstens einmal jeden Song kurz durchskippen, das geht.

Zu viel Angebot. Wir sind schon sehr arm dran. Mittlerweile gibt es von jedem Entertainment so viel Angebot, dass man sich gar nicht mehr entscheiden kann. Zu viele Künstler machen einfach zu viel Musik. Da ist man quasi gezwungen, von einem Song direkt zum nächsten zu springen.

Nur noch Einheitsbrei. Letzten Freitag wollten wir von euch wissen, welches Album ihr das letzte Mal komplett durchgehört habt. Manuel schrieb:


Ganz klar, wenn sich bei einem "modernen" Künstler das ganze Album wie derselbe Track anhört, lohnt es sich nicht. Wenn man aber Musik produziert, also richtige Musik ,dann lohnt es sich.

Die Kritik hört man öfter und ist gesehen auf das große Ganze nicht unwahr. Davon ist man allerdings als privater Hörer verschont - immerhin könnt ihr euch selbst aussuchen, welche Künstler ihr hört und den Mainstream getrost ignorieren. Deswegen wirkt dieses Argument vielmehr wie eine einfache Ausrede.

Warum wir Alben wieder öfter komplett und chronologisch hören sollten.

#01 Das Konzept des Albums verstehen. Ist ja kein Geheimnis, dass sich Künstler schon was bei ihren Alben denken, gerade was Struktur angeht. Jeder Song hat auf der Tracklist seinen sinnvollen Platz, manche Künstler lassen die einzelnen Tracks sogar ineinander überfließen, dass sich das Werk wie ein Mixtape anhört. Dem zollen wir nur Respekt, wenn wir dem Leitfaden (der Tracklist) folgen. Das gleiche gilt nicht nur für den Klang, sondern auch oft die Geschichten der Songs, die aufeinander aufbauen.

#02
Einfach mal abschalten. Es ist nur hektisch, wenn wir es hektisch sein lassen. Wir tun uns selbst was irre Gutes, wenn wir uns öfter einmal selbst entschleunigen, alles stehen und liegen lassen, um selbst einfach mal zu stehen und liegen - und einfach mal eine Stunde abschalten und einem Album zuhören.

#03 
Einfach mal dranbleiben. Wir wollen es nochmal gesagt haben: Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsrate ist schon weniger als die eines Goldfisches. Wollt ihr ein Goldfisch sein? Nein. Seid kein Goldfisch. Und bleibt einfach mal für die komplette Länge eines Albums dran.
Außerdem: Oft entwickelt sich die Meinung über einen Song. Je öfter man ihn hört, desto mehr mag man ihn.

#04
Musik als Wunderheilmittel für quasi alles. Wir hatten euch schon mal zehn Probleme vorgestellt, die Musik lösen kann. Davon könnt ihr natürlich perfekt profitieren, wenn ihr öfter intensiver hören würdet. Zum Beispiel richtig high werden oder billigen Wein mehr genießen.

#05
Die Hidden-Tracks-Perlen. Damals schmiss man die Platte an und ließ sie einfach durchlaufen. Wenn der Klang dann verstummt ist, stand man auf und machte erstmal Krimskrams - bis dann plötzlich doch wieder was kam. Der Hidden-Track. Wie blöd hat man sich über die kleine Überraschung gefreut.

Und überhaupt.

Anne ist auf unserer Frage auf Facebook ziemlich passend eingegangen:

Ich finde gerade im Alternative/ Soul / Funk / HipHop Bereich sind Alben extrem wichtig. Da sie eine Band in ihrer aktuellen Entwicklungsphase widerspiegeln. Sie sind wie die Seele der Band, die durch einen einzelnen Song niemals rübergebracht werden könnte. Mit jedem Hören eines Albums erschließt sich einem ja mehr das Kunstwerk an sich. Und was gibt es Schöneres, als sich das neue Album der Lieblingsband zu kaufen (egal ob als LP, CD oder Download, Hauptsache komplett), auf das man teilweise jahrelang warten musste und es sich dann mehrmals hintereinander anzuhören.
Der Meinung sind nicht nur wir.

Michael Kiwanuka zum Beispiel hat mit seinem neuesten Album Love & Hate bewusst ein paar längere Tracks komponiert: zwei Songs sind über sieben Minuten, einer sogar an die zehn Minuten lang. Erinnert an Übersetzt heißt das so viel wie: "Leute, nehmt euch eine Flasche Wein, hockt euch hin und nehmt euch für die Platte Zeit".

Die Glass Animals wiederum unterstützen nicht nur das lange, sondern ewige Musikhören. Auf der Vinyl-Version von How To Be A Human Being befindet sich nach dem letzten Track "Agnes" nämlich eine Endlosrille.

Aber: Wie geht das denn nun.

Solltet ihr nun dahocken und alles hier geschriebene nachvollziehen können, euch aber schlichtweg fragen: "Ja, egoFM, das ist toll! Aber wie genau macht man dieses "M u s i k h ö  r e n" denn zum Hobby?" Dann haben wir zwei prima Anleitungen dazu gefunden (ja, die gibt es tatsächlich).

HIER zum Beispiel, wie man sich mit Vinyls anfreundet.
DORT, wie man zum Audiophilen wird.

Allerdings.

Ginge das auch ganz einfach, dass ihr die wahnsinnig lange Anleitung dazu, wie das denn nun genau mit dem Musikhören funktioniert, auch einfach ignorieren könnt. Alles, was ihr dazu braucht, sind - Obacht, das könnte euch jetzt umhauen - Albenvorschläge. Und die hätten wir en masse.

HIER gibt's 30 Alben aus 2016, die ihr nicht unbedingt verpasst haben solltet. Bis ihr damit durch seid, sind auch schon ein paar Tage mit reinem Musikhören gefüllt.


Bildquelle: flickr | "Vinyl Record Player" von Nan Palmero | cc by 2.0