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Mittwoch, 28. September 2016, 10:00 Uhr

Post-Studiums-Nostalgie

Anna bloggt

Kaum neigt sich das jahrelang verhasste Studentenleben langsam dem Ende zu, beschleicht mich Wehmut. Außerdem gibt's da noch so viele Dinge, die ich ausnutzen muss.

Germanistik habe ich zwar nicht studiert, doch ein abgewandeltes Faust-Zitat ist trotzdem drin: Da hock ich nämlich nun in der Bibliothek (freilich bin ich dabei ein armer Tor) und bin nicht nur so klug als wie zuvor, sondern fange plötzlich an, mich mit der Uni anzufreunden und nostalgisch zu werden.
Nehmen wir gleich mal die Bib: So viele interessante Bücher hier, die ich nie gelesen habe während meiner Studentenzeit. Wissenschaftliche Analysen von Pornofilmen, zum Beispiel! Oder unzählige Bücher von oder über meine Lieblingsregisseure, die ich vorher, als ich sie nur für Hausarbeiten gebraucht habe, bestens ignoriert habe, weil die Masse an Literatur einfach nie mit meinem Auf-letzte-Minute-Stil vereinbar war.



Auch der Leichtigkeit, sich Zeit freizuräumen, trauere ich hinterher. Vorlesungen konnte man einfach schwänzen, um entweder länger zu schlafen (klar), im Englischen Garten zu hocken oder einkaufen/ zum Arzt/ in die Fahrradwerkstatt/ wo auch immer hin zu gehen. Jetzt, so richtig in der Arbeitswelt drin, muss ich mir dafür extra Urlaub nehmen (schließlich würde ich ja niemals blau machen..........). Allerdings wird mir nun auch klar, dass das noch nichtmal Horrorvorlesungen waren, die ich da geschwänzt habe (bis auf die über Horrorfilm, versteht sich). Da waren schon ziemlich abgefahrene oder zumindest bequeme Sachen dabei. Zum Beispiel "Die Entwicklung des Vampyrfilms im 20. Jahrhundert" (wo man ausschließlich Vampirfilme schaut), "Tatort-Analyse" (wo man hauptsächlich Tatort anschaut und minimal analysiert) oder "Das Authentizitätsproblem im Gangsterrap" (wo wir ausschließlich über Gangsterrapper hergezogen und ein Money Boy Konzert besucht haben). Im Nachhinein wünschte ich sogar, ich wäre dort anwesender gewesen. Sowohl physisch, als auch geistig, freiwillig würde ich mich niemals mit sowas fortbilden, obwohl das eigentlich verdammt interessant ist.
Dann gab es da noch die ganzen komischen Käuze in meinem Studiengang, die regelmäßig in irgendwelchen Rollen und Kostümen steckten, weil sie eigentlich nur Theaterwissenschaft studieren, um irgendwie irgendwann Schauspieler zu werden. Auch die werde ich so sehr vermissen. Vorallem, weil man in dieser ganzen Extravaganz selbst prima untertauchen konnte. Nie wieder werde ich so unsichtbar sein wie in diesem bunten Haufen.

Das waren jetzt alles Sachen, die ich spezifisch an meinem Studiengang vermissen werde. Viel mehr zählt jedoch eigentlich das ganze Drumherum, wie die ganzen Sonderangebote für Studenten. Öffis billiger! Kino billiger! Theater billiger! Klamotten teilweise billiger! Kostenlose Sprachkurse! Herrje, ich will kein einfacher Mensch ohne Vorteile sein. Nur, weil ich nicht mehr studiere, heißt das ja nicht, dass ich plötzlich reich bin.

Allerdings gibt's da noch einiges, das ich bis jetzt noch gar nicht ausgenutzt habe, beziehungsweise dringend nochmal ausnutzen muss, bevor mir mein Studentenausweis entrissen wird. All die Sportangebote an der Uni zum Beispiel: für lau Ballett tanzen, Volleyball spielen oder Kampfsport lernen. In alle Museen dieser Welt muss ich auch nochmal gehen.. und zum Zahnarzt! Ist ja irre, was Studenten da alles kostenlos gefixt bekommen.
Genauso muss ich noch dran denken, kurz vor der Exmatrikulierung noch sämtliche Jahresabos zu verlängern: Theater, Schwimmbad, DB und was es nicht alles gibt. Ah - habe ich irgendwas wichtiges vergessen? Um Himmels Willen, sagt mir das bitte, mir bleibt nicht mehr viel Zeit... schreibt 'ne Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Bildquelle: flickr | "Lecture Hall" von Sholeh | cc by 2.0