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Freitag, 10. März 2017, 15:00 Uhr

Faszination Synästhesie

Wenn Musik nach gebrannten Mandeln schmeckt

Sie kann Musik sehen, ihre Temperatur spüren und die Stimmen der Sänger erschmecken. Molly Holst ist Synästhetikerin und wir haben mit ihr über Musik gesprochen.

Medizinisch betrachtet ist Synästhesie eine Verknüpfung der Sinne. Die Betroffenen assoziieren Buchstaben mit Farben, sehen einen Menschen und seine Sprache farbig, schmecken Musik oder hören eine Bewegung. Klingt verrückt? Tatsächlich haben 10 Prozent der Bevölkerung eine Form der synästhetischen Wahrnehmung. Mal sind die Synästhesien stärker, mal schwächer ausgebildet, sodass manche Menschen sie gar nicht als solche wahrnehmen.

Für Molly ist Synästhesie weniger ein neurologisches Phänomen, als ihre eigene Sprache mit der sie ständig im Dialog ist, zum Beispiel wenn sie Musik sieht. Dann spielt sich bei ihr nämlich etwas ganz besonderes ab. Sobald sie die Instrumente oder Klänge hört, sieht sie Farben und Formen, teilweise kann sie sogar die Temperatur der einzelnen Elemente oder den Geschmack des Gesangs wahrnehmen. Eine andere Besonderheit ist, dass Molly alle Synästhesien die sie zu Musik empfindet abspeichert, das heißt wenn sie Lust auf etwas in Ocker hat, dann weiß sie sofort, welche CD sie sich anhören muss. Theoretisch könnte sie ihre Musik also farblich sortieren.

Bei der Farb-Graphem-Synästhesie werden Buchstaben und Zahlen mit Farben verbunden und obwohl sehr viele Synästhetiker diese Form haben, variiert die Wahrnehmung von Mensch zu Mensch. „Die meisten Synästhetiker verbinden den Buchstaben A mit der Farbe Rot, bei mir ist das A aber der einzige Buchstabe, der Schwarz ist“, sagt Molly. Sie beschreibt es als persönliches Alphabet, das bei jedem verschieden ist. Außerdem kann sie Gegenstände körperlich wahrnehmen.

Viele meiner Synästhesien spielen sich im Gaumen ab. Wenn ich einen Gegenstand sehe, nimmt mein Körper automatisch diese Form ein, das heißt, meine Zunge formt sich so als würde der Gegenstand in meinem Mund liegen.
Das ist aber noch lange nicht alles: wenn Molly zum Beispiel krank ist, nimmt sie das farblich und auch räumlich wahr, sie sieht also bestimmte farbige Körper und Skulpturen, die damit verbunden sind und die auch jeweils verschiedene Oberflächen haben. Mit Geschmäckern und Gerüchen ist das ähnlich, und auch wenn Menschen mit ihr sprechen löst das sofort eine synästhetische Assoziation aus.

Dadurch, dass ich Menschen farblich wahrnehme, kann ich erkennen, wenn jemand bedrückt ist. Mir kann man ganz schwer was vormachen, weil ich sehe, wenn sich der Farbton verändert, sobald die Person spricht.

Durch ihre Synästhesie ist Molly auch besonders kreativ – egal ob malen, plastizieren oder tanzen, sie nutzt ihre Synästhesien wie eine Kombination aus allen Sinnen und profitiert deswegen auch von ihnen.

Viele Wahrnehmungen können aber auch unangenehm sein, vor allem weil sich bei ihr viel im Gaumen abspielt, beispielsweise wenn ihr ein Geruch haarig oder stachelig auf der Zunge liegt. Auch wenn sie Musik hört kann sie die synästhetischen Wahrnehmungen nicht ausblenden:

Das ist manchmal  ein Problem, wenn Leute mir Musik schenken, die kann ich mir dann manchmal einfach nicht anhören.
Auf die Frage, ob sie ihre Synästhesien als Fluch oder Segen empfindet, hat sie eine klare Antwort:

Es ist ein Segen. Wobei ich das gar nicht so bewerten kann, weil ich ja nichts anderes kenne. Die Wahrnehmungen sind sehr eng an meine Identität gebunden und wenn ich sie ablehnen würde, würde ich mich selbst ablehnen.
So hört Molly unsere Musiklieblinge
The Roots - The Seed





Disclosure - You and Me (Flume Remix)





Bilderbuch - Bungalow





Daughter - Youth





Portugal. The Man - Purple Yellow Red and Blue





Radiohead - Creep





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