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Freitag, 21. Juli 2017, 10:00 Uhr

Der schwarze Hund in der Musik

Studien, Umgang mit der Depression & Anlaufstellen

Studien darüber, dass besonders Musiker anfällig für Depressionen sind, existieren zuhauf - ganz zweifelsfrei sind die Ergebnisse allerdings nicht. Anlaufstellen speziell für Künstler sind dennoch vonnöten.

Sind Musiker tatsächlich anfälliger für psychische Krankheiten?

Amy Winehouse, Ian Curtis und Curt Cobain zählen nicht nur zu den größten Künstlern unserer Zeit, sondern litten auch an Depression. Damit sind sie bei weitem nicht allein: Die Liste an Musikern, die offen über ihre psychische Erkrankung reden und singen ist derart lang, dass man fast meinen könnte, Depression wäre gerade unter Musikern weit verbreitet.
Dies soll sogar wissenschaftlich belegt sein - enorm viele Studien befassen sich mit dem Thema und wollen einen Zusammenhang zwischen Musik und Depression festhalten. In Island haben Wissenschaftler zum Beispiel herausgefunden, dass kreative Menschen mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent ein Gen in sich tragen, das für Schizophrenie und psychische Krankheiten verantwortlich ist. Eine australische Studie impliziert, dass Menschen die in der Unterhaltungsindustrie arbeiten, fünf- bis siebenmal öfter Suizidgedanken haben, als der Durchschnittsmensch und das führt zu Problemen wie Alkoholismus, wofür Musiker im Durchschnitt auch viel anfälliger sind. Ende 2016 erschien eine Studie mit dem Titel „Can Music Make You Sick?“, die zeigen wollte, dass Musiker dreimal so gefährdet seien an Depressionen oder Angststörungen zu leiden, als Leute mit anderen Berufen. Befragt wurden mehr als 2.200 Musiker aus London, die meisten davon waren zwischen 18 und 35 Jahre alt.
Die Ergebnisse dabei waren erschreckend. Rund 70 Prozent gaben an, an Depressionen zu leiden und fast genauso viele hatten schon mal eine Panik- oder Angstattacke erlebt. Und obwohl die Angaben selbst diagnostiziert wurden und nicht auf medizinischen Untersuchungen basieren, ist die Tatsache, dass die Zahlen so extrem vom Durchschnittswert abweichen, schockierend - lediglich 19 Prozent der Befragten mit anderen Berufen meinten schon mal eine Depression oder Panikattacke erlebt zu haben.

Als Gründe für ihre Probleme gaben viele der Probanden die Arbeitsbedingungen an. Als Musiker hat man kein gesichertes Einkommen, die Zukunft ist ungewiss, die Arbeitsbedingungen sind hart und man bekommt oft kaum Anerkennung für seine Arbeit. Es ist also nicht die Musik, die krank macht, sondern vielmehr die Musikindustrie und der damit verbundene Stress. Natürlich kann man die weiteren Gründe nicht pauschalisieren, es steht aber außer Frage, dass die meisten Musiker sensible, dünnhäutige Menschen sind, die mit ihren Emotionen in regem Kontakt stehen, weil sie diese in ihrer Musik verarbeiten. Diese Sensibilität führt dann auch dazu, dass sie auf Probleme extremer reagieren.

So erzählten Probanten der Studie unter anderem...


My depression is made worse by trying to exist as a musician … Rarely has playing music been detrimental to my health, quite the opposite … but the industry and socio-economic pressures … make this a very bad industry to try and make a living in.
I’m not sure I’d say it’s the music that makes me sick. It’s the lack of things I’d consider success. It’s the lack of support doing something that’s not considered ‘real work.’

Dem gegenüber stehen wiederum einige Psychologen, die den Ergebnissen dieser Studien kritisch gegenüber stehen. Magdalena Zabanoff, die hauptsächlich mit klassischen Musikern zusammenarbeitet, beispielsweise sagt, Studien wie "Help Musicians" aus Großbritannien hätten schwerwiegende Mängel und daher keine Aussagekraft.


In diesem Bereich der klassischen Musik sind mir und auch meinen Kollegen keine seriösen Studien bekannt, die auf irgendeine Weise belegen, dass MusikerInnen häufiger als die Durchschnittsbevölkerung an Depressionen erkranken.

Wir sehen es ebenfalls eher schwierig, pauschal zu sagen, Musiker würden leichter unter eine Depression geraten. Zu beachten ist immerhin die Tatsache, dass man von Künstlern, die ihre Erkrankung öffentlich thematisieren (sei es in Interviews oder in der Musik) schlichtweg eher erfährt, als vom psychischen Befinden des Nachbars nebenan.


Don't want another dark time think to myself / I won't get lost inside it all, I'm on my way / Well I can see it the darkness covering my mind.
- The War On Drugs, "Red Eyes"



Auch ein anderer Aspekt muss beachtet werden: Statt sich dem schwarzen Sumpf hinzugeben, schnüren sich viele Künstler ein Strick aus Kreativität, mit dem sie ihre Erkrankung nicht nur verarbeiten, sondern damit schlichtweg ablenken.
Überhaupt sollte man sich nicht auf die Reihenfolge "Musik führt zu psychischen Krankheiten" festsetzen, sondern die Verbindung auch andersrum untersuchen. So erzählte uns Jamie xx zum Beispiel, dass das neueste The xx  Album nicht entstanden wäre, hätten sie vorher nicht auch schwierige Zeiten durchgemacht:



Nichtsdestotrotz besteht Nachfrage auf Hilfe speziell für depressive Musiker.

In vielen Ländern gibt es die auch schon. In Neuseeland zum Beispiel existiert eine Hotline extra für Musiker mit psychischen Problemen, bei der man rund um die Uhr einen Psychologen erreichen kann. Dies hat uns die neuseeländische Singer/Songwriterin Fazeradaze erzählt:



Auch in England wird nach den Ergebnissen der Studie darüber nachgedacht, etwas ähnliches einzurichten und in den USA gibt es schon seit vielen Jahren eine eigene Anlaufstelle dafür. Nuçi's Space heißt der Laden, der von außen eher wie ein gemütliches Café aussieht, als eine Betreuungsstelle für depressive Musiker. Tatsächlich werden hier aber seit über 15 Jahren Musiker beraten und unterstützt. Von innen ist Nuçi's Space auch vollkommen der Musik verschrieben. Es gibt Instrumente, Platten, eine Bühne für kleine Konzerte und viele der Mitarbeiter sind selbst Musiker. Die Hilfe beinhaltet individuelle Beratung von Experten, die spezialisiert auf Musiker und deren Probleme sind, Gruppentherapie  und Unterstützung bei der Arbeit.


Bildquelle Titelbild: flickr | "Shadows 3" von Gareth O'Brien | cc by 2.0