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Donnerstag, 18. Mai 2017, 16:00 Uhr

Wie verhütet ihr?

Die Sache mit der natürlichen Familienplanung

Pille und ihre Nebenwirkungen, Pille für den Mann... es gibt kaum einen Tag, an dem wir keine Schlagzeile über Verhütung lesen. Aber was wir dabei selten lesen ist die natürliche Familienplanung. Wir haben mit Expertinnen darüber gesprochen.

Was wir über die Pille lesen, bereitet uns Bauchschmerzen. Frauen, die große Pharmakonzerne wegen der Pille aufgrund von Nebenwirkungen verklagen: von Depression, Wesensveränderung, Migräne, erhöhtes Krebsrisiko, bis hin zu Lungenembolie mit Todesfolge. Nebenwirkungen, die wir als solche oft noch nicht mal erkennen, da man sich seit dem 14. Lebensjahr täglich Hormone reinballert und es vielleicht gar nicht anders kennt.

Dass die Pille, so umstritten sie auch ist, eines der häufigsten Verhütungsmittel ist, wissen wir. Aber wir wollten von euch wissen, wie ihr verhütet und sind deswegen auf die Straße gegangen, um uns umzuhören.


Wie verhütet ihr?Das wollten wir zunächst mal von den Frauen wissen:


Aber da Verhütungssache ja beide Partner angeht (auch wenn wir das Gefühl haben, dass das in der Praxis leider noch anders aussieht) haben wir uns auch bei den Männern umgehört.


Bei der Befragung der Männer ist uns übrigens aufgefallen, dass manche keine Ahnung über die Pille und deren Nebenwirkungen hatten, andere sich hingegen sehr gut auskannten, nämlich die, deren Freundinnen Probleme mit der Pille hatten. Teilweise herrschte aber auch große Unwissenheit und auf die Frage nach alternativen Verhütungsmethoden hat uns die Antwort "Vorzeitiges Abbrechen" doch sehr irritiert. Aber das Thema Verantwortung der Männer in Bezug auf Verhütung hier aufzuarbeiten, erfordert vermutlich noch einmal einen separaten Artikel.

Zurück zum WIE. In unserer Straßenumfrage, die keinesfalls den Anspruch auf Repräsentativität hat, sondern einen spontanen Einblick geben soll, haben wir oft von der Pille gehört, von Kondomen, von der Hormon- oder von der Kupferspirale, vom Hormonstäbchen. Was in dieser Umfrage kein einziges Mal genannt wurde, waren Begriffe wie NFP oder Sensiplan. Und auch wir kennen diese Begriffe noch nicht allzu lange. Wir erschrecken ein bisschen darüber, dass wir sie selbst so lange nicht als ernsthafte Alternative zur Pille begriffen haben und fragen uns gleichzeitig, warum das so ist.

Deswegen haben wir uns an die Beratungsstelle von pro familia und an das FrauenGesundheitsZentrum München gewandt, um unsere wichtigsten Fragen zu klären.


NFP bzw. Sensiplan NFP ist die Abkürzung für Natürliche Familienplanung. Bei dem Begriff erschrickt vielleicht der eine oder andere, weil er sich denkt "das will ich ja gerade noch nicht". Aber Familienplanung kann ja auch die Entscheidung beinhalten eben zu zweit oder allein zu bleiben. Der häufigere Begriff, der NFP mittlerweile abgelöst hat, ist jedoch Sensiplan.

Wie funktioniert Sensiplan?

Sensiplan ist eine Methode, die auf Beobachtungen des Körpers beruht, der sich im Laufe eines Zyklus verändert, und mit der man die fruchtbaren Tage bestimmen kann, an denen man zusätzlich (z.B. mit Kondom oder Diaphragma) verhüten muss. "Die Fruchtbarkeit kann man festellen, indem man zum einen Temperatur misst und zum anderen den Zervixschleim beobachtet, der in der fruchtbaren Zeit von der Gebärmutter ausgeschieden wird." , erklärt uns Helga Schwarz von pro familia. "Diese beiden Parameter schaut man sich an, notiert sie und legt darüber ein Regelwerk an." 
 
Ist das nicht super kompliziert?

In unseren Ohren klingt es das zunächst schon. Definitiv komplizierter als sich jeden Abend eine Pille einzuwerfen. Es erfordert Zeit sich mit dem Thema vertraut zu machen und lässt sich nicht über Nacht erlernen. Und man muss bereit sein sich mit Themen wie Zervixschleim, sprich mit seinem eigenen Körper, auseinander zu setzen. Aber nach einer Weile, wenn man weiß, was man tut und dass man es richtig macht, wird man lernen, diese Beobachtungen in seinen Alltag zu integrieren. Und dann ist eigentlich alles ganz logisch. Vorausgesetzt man ist bereit dazu.

Wie sicher ist das denn?

Auf die Frage was euch bei Verhütung wichtig sei, wurde bei unserer Straßenumfrage am häufigsten "Sicherheit" genannt. In Zusammenhang mit Sicherheit schießt vielen Frauen (und Männern) vermutlich sofort der Begriff Pille in den Kopf und auch wir müssen zugeben, dass wir über die Antwort der Expertinnen, wie sicher Sensiplan nun wirklich ist, überrascht waren. Denn bei korrekter Anwendung reicht die Sicherheit von Sensiplan an die Sicherheit der Pille heran.

Das Forschungszentrum an der Uni Heidelberg hat über 40.000 Zyklus-Daten gesammelt und damit die größte Zyklen-Datenbank der Welt. Eine Studie, die daraus resultiert, hat gezeigt, dass, wenn die Frauen ihren Körper richtig beobachten, die Paare die Werte richtig auswerten und sich an die Regeln halten, dann können sie eine Sicherheit anstreben, die der Sicherheit der Pille gleicht.
(Dr. med Alenka Berkopec-Valena vom FrauenGesundheitsZentrum München)

Vorausgesetzt man macht alles richtig, sprich die Methodensicherheit ist genauso wie die der Pille. Und damit man wirklich alles richtig macht, also auch die Gebrauchssicherheit gegeben ist, empfiehlt uns Alenka Berkopec-Valena einen Kurs zu besuchen, in dem man die Methode erlernen kann: "Der Kurs findet über vier bis fünf Monate etwa einmal im Monat statt, und in jedem Kursabend wird zunächst mal Theorie vermittelt. Dann wird aber auch in einem Arbeitsheft mit fremden, authentischen Zyklen gearbeitet und ein Drittel des Kurses besteht auch darin, dass man seinen eigenen persönlichen Zyklus besprechen kann". Nach Ende des Kurses hat man die Methode dann soweit im Fleisch und Blut, so dass dann auch die gefühlte Sicherheit steigt und man sich damit wohl fühlt.

Für wen ist es geeignet?

Prinzipiell kann diese Methode für jeden in Frage kommen, der motiviert ist sie zu erlernen. Und das sind immer mehr Frauen und sogar auch Männer. "Es gibt zunehmend auch Männer, die darauf drängen, dass die Frau mit der Pille aufhört, weil sie die Verantwortung für ihre Gesundheit nicht mittragen möchten", erzählt uns Alenka Berkopec-Valena. "Nach dem Motto, vielleicht ist das doch nicht gut für dich, wenn du so lange die Pille nimmst. Da bin ich manchmal richtig gerührt." Was das Alter betrifft sollte man allerdings überlegen, ob junge Frauen tatsächlich schon in der Lage sind ihren Körper richtig zu deuten, selbst wenn das Interesse auch da schon zunehmend vorhanden ist:

Es fällt auf, dass auch immer mehr junge Frauen zu uns kommen. Die jüngste Frau, die ich bis jetzt beraten habe, war 15 Jahre alt, aber das ist eher die Ausnahme, in diesem Alter ist die Pille vermutlich doch das Sicherere.
(Dr. med Alenka Berkopec-Valena vom FrauenGesundheitsZentrum München)

Bei einer Methode, die auf Körperbeobachtungen basiert, stellt man sich natürlich die Frage, was ist, wenn ich gerade sehr viel Stress oder einen ungleichmäßigen Tagesrhythmus habe? Oder wenn ich viel durch verschiedene Klimazonen reise? Ist die Methode denn dann auch noch sicher? Berkopec-Valena erzählt uns, dass sie sogar mal eine Stewardess in der Beratung hatte, die mehrfach im Monat zwischen den verschiedensten Klimazonen und Kontinenten hin- und herflog und der Zyklus aber so regelmäßig war, dass sie die Methode wunderbar anwenden konnte. "Aber wenn jetzt eine Frau nach Indien verreist und es dort 45 °C Grad hat, dann können die Beobachtungen, die sie sonst macht, schon gestört werden."

Auch Helga Schwarz von pro familia würde prinzipiell niemandem abraten, der sich dafür interessiert: "Wenn jemand dann aber nach zwei Monaten feststellt, er hat dauernd Löcher in seinen Kurven, er hat öfters vergessen zu messen oder dies und jenes nicht gemacht, das aber dringend notwendig wäre, dann würde ich dieser Person von der Methode abraten."


Warum weiß man denn so wenig über Sensiplan?

Wenn das alles so möglich ist, fragen wir uns immer mehr, warum uns nie jemand darüber aufgeklärt hat. Unser Frauenarzt hat nichts davon erwähnt, allerdings haben wir auch nie speziell danach gefragt.

Ich glaube, dass Sensiplan der Ruf nachhängt, dass es zu unsicher ist. Manche Frauen scheuen sich auch davor, denn wir sind überhaupt nicht mehr gewöhnt so viel Verantwortung für uns selbst zu übernehmen. Und beim Gynäkologen wird es häufig auch gar nicht erwähnt, das gilt nicht als Verhütungsmethode sozusagen.
(Helga Schwarz von pro familia)

Beide Expertinnen haben uns aber darauf hingewiesen, dass das beim Gynäkologen auch oft nicht so einfach ist, denn der hat in der Regel einfach wenig Zeit pro Patient. Da ist es einfacher und letztendlich auch sicherer jemandem die Anwendung der Pille zu erklären, als ihn monatelang zu beraten. Aber auch da könnte sich laut Alenka Berkopec-Valena in Zukunft vielleicht etwas ändern: "Ich muss auch sagen, dass in den letzten Jahren Frauenärztinnen zunehmend Frauen zu uns schicken mit dem Wunsch NFP bzw. Sensiplan zu erlernen. Es gibt immer mehr Frauenärzte/innen, die auch selbst die Methode angewandt haben, die sie kennen und wissen, dass sie sicher ist."


Unser Fazit
Durch beide ausführlichen Gespräche, sowohl mit Helga Schwarz von pro familia als auch mit Alenka Berkopec-Valena vom FrauenGesundheitsZentrum haben wir den Eindruck bekommen, dass es sich auf jeden Fall lohnt mal zum Thema Natürliche Familienplanung bzw. Sensiplan beraten zu werden. Dies kann man an verschiedenen Beratungszentren tun - die beiden von uns ausgewählten sind nur zwei Adressen, aber ihr könnt euch genauso gut beim Gesundheitsamt nach Adressen informieren (die uns auch die Seite Schwanger in Bayern empfohlen haben) und schauen welche Beratungsstelle sich in eurer Nähe befindet. Alenka Berkopec-Valena legt uns außerdem die Seite NFP-Online nahe, auf denen ihr deutschlandweit zertifizierte Berater in eurer Nähe finden könnt.

Ob man sich dafür entscheidet, tatsächlich so zu verhüten, hängt wahrscheinlich auch davon ab, wie gut oder schlecht man die Pille oder andere hormonelle Verhütungsmittel verträgt.

Nach meiner Erfahrung gibt  es Frauen, die vertragen die Pille nicht, die machen 4 oder 5 Versuche mit verschiedenen Pillen, denen würde ich immer abraten von hormoneller Verhütung. Aber es gibt viele, die vertragen das sehr gut. Und ich glaube es gibt verschiedene Phasen im Leben von Frauen, in denen ein bestimmtes Verhütungsmittel passt und dann gibt es auch wieder Phasen, in denen sich das ändert.
(Helga Schwarz von pro familia)

Und in einer Lebensphase stört die Vorstellung künstliche Hormone zu sich zu nehmen vielleicht weniger als in einer anderen. Nicht in jedem Alter ist man unbedingt bereit und in der Lage sich intensiv mit seinem Körper auseinander zu setzen und die Signale richtig und zuverlässig zu deuten. Daher ist gerade in jungen Jahren die Pille schlichtweg einfacher anzuwenden. Aber was wir wichtig finden ist, diese Methode auch schon in jungen Jahren überhaupt als potentielle Alternative zu kennen und wahrzunehmen. Vielleicht wäre das ja etwas für später. Da sehen wir nämlich das Problem. Viele Frauen werden beim Frauenarzt gar nicht darauf hingewiesen, dass es Alternativen gibt, daher liegt es letztendlich bei jedem selbst, sich darüber zu informieren. Und es wäre schön, wenn das Thema in der Gesellschaft nicht nur bekannter, sondern auch als sicheres Verhütungsmittel akzeptiert wird. Denn aktuell, so ist unser Eindruck, würde einer Frau, die sich auf NFP bzw. Sensiplan verlässt, eine Teilschuld nachhängen, würde sie dennoch schwanger werden. Das würde man jemandem, der die Pille nimmt, nicht so leicht vorwerfen.

Auch wenn ihr von Sensiplan überhaupt nicht überzeugt seid, die Beratung hilft einem dennoch einmal zu verstehen, was im eigenen Körper passiert. Und was ein normaler Zyklus oder eben ein durch die Pille veränderter Zyklus mit eurem Körper und eurer Psyche macht. Allein das zu wissen, bietet eine ganz andere Entscheidungsgrundlage für oder gegen eine bestimmte Methode. Also, egal ob Hormone oder nicht, was für euch richtig ist, könnt nur ihr selbst entscheiden. Aber denkt darüber nach, was für euch Sinn macht und entscheidet euch für eine Methode bewusst. Nicht nur, weil ihr nichts anderes kennt.

Quelle: "untitled" by Sean Prichard | flickr via cc by 2.0