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bedingungslosesgrundeinkommen
Dienstag, 11. Juli 2017, 00:00 Uhr

Bedingungsloses Grundeinkommen

1000 Euro zur freien Verfügung

Das bedingungslose Grundeinkommen spaltet die Gemüter. Was macht es mit uns, wenn wir monatlich 1000 Euro einfach zur freien Verfügung haben. Wir haben mit Micha von Mein Grundeinkommen gesprochen, der genau das in der Praxis testet.

Seit Anfang diesen Jahres fährt Finnland einen Testlauf, nun möchte auch Schleswig Holstein als erstes deutsches Bundesland das bedingungslose Grundeinkommen testen und entfacht damit erneut die Diskussion, ob dieses Konzept den Arbeitsmarkt revolutionieren könnte oder uns alle zu fauleren Geschöpfen macht. Der Gedanke, Geld von Arbeit zu entkoppeln, macht vielleicht zunächst mal Angst. Denn diesen Kausal-Zusammenhang haben wir von klein auf eingetrichtert bekommen. Vom Tellerwäscher zum Millionär. Wer hart arbeitet, verdient gutes Geld.

Tja, wenn das denn so wäre. Berufe, wie Altenpfleger, Kindergärtner, Menschen im sozialen Bereich, in denen sich tagtäglich Menschen für die Gesellschaft abrackern, gibt es zu Hauf, dennoch bekommen sie dafür nicht die entsprechende Bezahlung. Unser System hinkt also ohnehin. Warum dann nicht gleich komplett umdenken.

Michael Bohmeyer hat genau das gemacht. Aus einer einst gegründeten Internetfirma wurde ihm auch nach dem Ausstieg regelmäßig Geld ausgezahlt, obwohl er nicht mehr dafür gearbeitet hat. Er empfand diesen Moment als so befreiend, dass er anderen diese Erfahrung auch gerne ermöglichen wollte. 2014 gründete er den gemeinnützigen Verein Mein Grundeinkommen, der auf Spenden basiert. Jeder kann dort spenden und jeder kann sich dort für ein bedingungsloses Grundeinkommen bewerben-unabhängig davon, ob er selbst spendet oder nicht. Sobald 12.000 Euro zusammengekommen sind, wird eine Person ausgelost, die daraufhin ein Jahr lang 1000 Euro im Monat bekommt. Egal, was er oder sie damit macht, weil: bedingungslos. Wie so eine Verlosung aussieht, seht ihr hier:



Auf diesem Weg haben Micha (wie er sich bei uns selbst am Telefon vorstellt) und sein Team, das aus 20 Leuten besteht, in den letzten drei Jahren 90 Menschen ein kostenloses Grundeinkommen organisiert. Fast eine halbe Million Menschen haben sich bis jetzt dort beworben. Von Kindern bis Senioren, Obdachlosen bis Beamten, sprich ein Querschnitt durch die gesamte Gesellschaft. Doch wie erging es diesen 90 Menschen in diesem Jahr? Es ist keine Bedingung (weil? Richtig, bedingungslos), aber fast alle Gewinnenden bleiben mit Mein Grundeinkommen in Kontakt und berichten über ihre Erfahrungen.

Die Erfahrungen sind natürlich ganz unterschiedlich, dennoch berichten alle unisono, dass sie besser schlafen, dass sie nicht ihren Job kündigen, sondern in ihren Beschäftigungsverhältnissen bleiben, aber weniger gestresst sind.
(Michael Bohmeyer, Gründer von MeinGrundeinkommen)

Trotz monatlichem Zuschuss von 1000 Euro arbeiten die Gewinnenden also entweder gleich viel oder sogar mehr als vorher, machen sich dabei aber weniger Sorgen:

Drei Leute haben sich selbstständig gemacht, ein chronisch Kranker konnte seine Krankheit stoppen, weil auf einmal nicht mehr so viele Sorgen da waren. Viele berichten, dass das Fehlen dieser Existenzangst sie einfach freier und zu neuen Persönlichkeiten werden lässt.
(Michael Bohmeyer, Gründer von MeinGrundeinkommen)


Das klingt sehr schön und lässt bei uns den dringenden Wunsch entstehen, sofort auf diese Seite zu gehen und uns selbst für ein bedingungsloses Grundeinkommen anzumelden. Doch darf ich das überhaupt? Sollte ich die Chance nicht lieber jemandem überlassen, der es dringender braucht als ich? Vielleicht. Aber nein, eigentlich nicht, denn es tut absolut nichts zur Sache, was man mit diesem Geld machen würde:

Worum es bei dem Grundeinkommen wirklich geht ist die Bedingungslosigkeit. Dass mir jemand, eine anonyme Crowd, das Vertrauen entgegen bringt mir einfach jeden Monat Geld zu geben, ohne dass ich mich dafür rechtfertigen muss. Das ist das Revolutionäre, das ist das Neue, und das verändert das Denken. Es verändert die Eigenverantwortung, die man übernimmt. Es bringt einen dazu, nicht mehr mit dem Finger auf andere zu zeigen, sondern selber ins Handeln zu kommen, aber gleichzeitig achtsamer für andere zu werden.(Michael Bohmeyer, Gründer von MeinGrundeinkommen)


Das ist zwar eine sehr schöne Sache, doch Mein Grundeinkommen gibt es nur für einen begrenzten Zeitraum von einem Jahr, das heißt nach 12 x 1000 Euro ist das Geld weg und die Existenzängste kommen zurück. Darauf erklärt uns Micha, dass das zwar sein mag, aber der Umdenkprozess, den man in diesem Zeitraum erfahren hat, der bleibt erstmal, so berichten die Gewinnenden. Das Experiment, das Mein Grundeinkommen seit 2014 testet, zeigt also, dass uns ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht fauler machen muss, sondern uns verhilft den Kopf frei zu bekommen und so neue Stärken an uns zu entdecken, die uns motivieren. Eine revolutionäre Idee, die zu funktionieren scheint. Zumindest bei den 90 Gewinnern von Mein Grundeinkommen.

Für das Revolutionieren von Strukturen hat Micha übrigens ein Händchen, denn seit einiger Zeit testet der gemeinnützige Verein aus Berlin eine ebenso neuartige Firmenstruktur, in der die 20 Mitarbeiter selbst entscheiden dürfen, wie viel sie verdienen, wie viel sie arbeiten und wie viel Urlaub sie machen wollen. Zudem verzichtet das Team auf sämtliche Hierarchien - es gibt keinen Chef, der ihnen Entscheidungen abnimmt.

Das ist ein bisschen wie beim Grundeinkommen. Das steht ja nicht nur für Geld, das ich bekomme, sondern auch für den Vertrauensvorschuss. Also statt den Menschen kontrollieren und bestrafen zu wollen, sagt es 'Hier hast du Geld, du weißt am besten wie man lebt' und genau das leben wir auch intern. Jeder darf im Prinzip alles entscheiden und dieser Vertrauensvorschuss führt zu einer großen Eigenverantwortung, wodurch die Leute tolle Entscheidungen treffen und über sich hinauswachsen.
(Michael Bohmeyer, Gründer von MeinGrundeinkommen)

Das basiert natürlich auf Transparenz und Ehrlichkeit. Wenn ich ganz ehrlich bin, wie viel Geld brauche ich denn zum Leben? "Das kann für den einen 1000 Euro sein, für den anderen 3000", so Micha, der genauso wie sein Team in Berlin lebt. In München sieht das unter Umständen schon etwas anders aus. Aber die Sache mit der Selbstverantwortung funktioniert mit allen Beträgen. Auch wenn uns diese neuen Arbeitskonzepte vielleicht zweifeln lassen, ob das dann wirklich in der breiten Masse funktionieren kann, machen sie bei uns aber vor allem eines: Bock auf Arbeit.

Denn die Möglichkeit Dinge selbst einschätzen und entscheiden zu dürfen, kann extrem motivierend sein. Was haltet ihr vom bedingungslosen Grundeinkommen? Schreibt uns dazu gerne eine Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder postet auf unserer Facebook-Seite.

Alle weiteren Infos zu Mein Grundeinkommen findet ihr hier.

Interview mit Michael Bohmeyer von Mein Grundeinkommen

Bildquelle:
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