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Mittwoch, 04. Oktober 2017, 00:00 Uhr

Lowercase

Genres die ihr nicht kanntet - bis jetzt

Wir bringen euch Musikstile näher, von denen ihr noch nie etwas gehört habt, die aber eigentlich ziemlich interessant sind. Weiter geht es mit Lowercase.

Sicher kennt ihr Ambient Music. Das ist diese monotone, eingängige Musik, die vor allem in Aufzügen und auf öffentlichen Toiletten zu hören ist, sich nicht aufdringt, und abgespielt wird, um der vollkommenen Stille entgegenzuwirken. Musikwissenschaftlich wird eine solche Hintergrundmusik als Muzak bezeichnet und wurde bereits in den Goldenen Zwanzigern verwendet und unter anderem von Eric Satie komponiert (sorry, diese Nerd-Facts mussten einfach sein).

Das Genre Lowercase – es kann wörtlich mit 'Kleinschrift' übersetzt werden - stellen wir euch heute vor. Lowercase bringt Ambient Music auf ein neues Level, ist extrem minimalistisch und verfolgt daher ein sehr radikales Konzept. Typischerweise werden extrem leise, kaum hörbare Sounds so sehr verstärkt, dass sie zum ersten Mal in den Vordergrund rücken. Dabei stützen sich die Künstler hauptsächlich auf Klänge, die im Alltag normalerweise nicht wahrgenommen werden oder sogar unter der menschlichen Wahrnehmungsschwelle liegen; beispielsweise der Klang eines Ameisenhügels oder eines Handys, dessen Akku sich leert. Das Ausgangsmaterial wird dann vielfältig bearbeitet, verwoben und des Öfteren in Passagen völliger Stille eingebettet.

Als Begründer des Genres Ende der 90er Jahre und als wohl berühmtester Künstler des Lowercase gilt Steve Roden. In einem Interview aus dem Jahr 1998 versuchte er seine Form der Musik zu charakterisieren:

 sie verlangt nicht nach Aufmerksamkeit, sie will entdeckt werden. [...] Sie ist das Gegenteil von Großbuchstaben – lauten Sachen, welche die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. 
Roden berief sich dabei auf den Einfluss von Künstlern wie John Cage. Von diesem amerikanischen, minimalistischen Künstler habt ihr bestimmt schon Performances bzw. Kompositionen gesehen oder gehört  – oder eben nicht. Sein berühmtestes Werk 4‘33‘‘ ist eine stille Komposition; das heißt es gibt keine Notation und daher erklingt auch keine Musik im gewöhnlichen Sinne. Bei der Premiere 1952 löste das Stück einen Skandal aus,  heute ist es weltbekannt. Hinter der Komposition steckt der Ansatz, das Publikum auf die Klänge ihrer Umgebung aufmerksam zu machen wie zum Beispiel aufs Stühle rücken, den Straßenlärm von draußen oder auch auf ein Niesen vom Nebenmann. Wie John Cage einst so schön sagte:

All we do is music
Steve Roden nahm sich zwar John Cage oder auch Morton Feldman zum Vorbild, jedoch enthalten seine Stücke Sounds. Sein Album Forms of Paper ist besonders erwähnenswert. Hier nahm er sich selbst dabei auf, wie er auf unterschiedliche Weisen mit Papier herumhantiert. Roden sagte einst, dass es bei seiner Musik nie um die Komposition an sich ging, sondern um das Hörerlebnis. Mit diesem sehr experimentellen und avantgardistischen Ansatz wollte er sich vom Konventionellen entfernen.



Weitere Vertreter des Lowercase sind Bernhard Günter, Francisco López oder Richard Chartier.  Für die Installation 'The Space of a Second' von Otaku Yakuza wurden mehr als eintausend Samples, jedes nicht länger als eine Millisekunde, miteinander zu einem Stück kombiniert, das letztendlich eine Minute dauerte.



Im Jahr 1999 entstand bereits das wichtigste Lowercase-Label, Bremsstrahlung Recordings, das ein Jahr später einen ersten Sampler des neuen Genres zusammenstellte und veröffentlichte. Weitere wichtige Labels sind Trente Oiseaux, Raster-Noton und das von Richard Chartier betriebene Line.

Kleiner Tipp, falls ihr ihr euch Lowercase hier oder auf Spotify mal anhören wollt: Wenn ihr nichts hört, ist das keine Hommage an John Cage's 4‘33‘‘. Dreht einfach die Lautstärke voll auf!


Bildquelle: flickr | "20141207-10y-auph-Leipzig-2023" von Carsten Stiller | CC by 2.0