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Freitag, 28. August 2015, 00:00 Uhr

Buchtipp: „Die Nächte auf ihrer Seite“ von Annika Reich

Die Unwahrscheinlichkeit von Beziehung

Ada dreht heimlich Filme von Pärchen, die den Therapeuten im Hinterhaus aufsuchen. Ihre eigene Ehe ist in die Brüche gegangen und ihre Tochter ist ihr oft seltsam fern.

Annika Reichs
Buch „Die Nächte auf ihrer Seite“ hat ein bisschen was von einem Aquarium. Darin schaut man halt nicht den Fischen zu, wie sie vom Meer träumen, sondern den Menschen, wie sie davon träumen, irgendwie zusammen zu gehören.
Denn irgendwie sind Familienbande, Liebe und selbst Revolution nicht verbindlich genug, damit sich die Figuren ihres Buchs wirklich aufeinander einlassen. Alle treiben ein wenig ratlos umher, beobachten die anderen und hinken immer ein wenig hinter den Ereignissen hinterher. Jeder wartet auf das richtige Zeichen des anderen, damit das Leben endlich (wieder) in einer Beziehung mündet oder ein unantastbares Zugehörigkeitsgefühl entsteht.

Die Figur, die wir dabei am häufigsten begleiten, ist Ada. Sie ist Kamerafrau, hat eine kleine Tochter namens Fanny, und nach ihrer Scheidung hat sie eigentlich nur Bettgeschichten am Laufen, die sie vor ihrem Kind geheim hält. Eines ihrer künstlerischen Projekte begleitet das komplette Buch: Im Hinterhaus ist nämlich ein Paartherapeut eingezogen und jetzt filmt Ada seine Klienten, wie sie über den Hof ankommen und nach ihrer Sitzung wieder gehen. „Reigen“ nennt sie das Videoprojekt. Jedes zweite Kapitel des Buches besteht aus einer dieser Beobachtungen. Das Thema Distanz zieht sich quer durch die Geschichte. Die Paare auf Adas Video werden aus der Distanz betrachtet, die eigene Tochter ist wie ein fremdes Wesen, der Ex-Mann wird auf Distanz gehalten und die Liebhaber kommen ihr ausschließlich körperlich nah. Auch durch die Geschichten der anderen Figuren wabert das Thema.

Auf zehnseiten.de findet ihr eine kurze Lesung von Annika Reich aus Die Nächte auf ihrer Seite:



Wer „Die Nächte auf ihrer Seite“ liest, darf keine zauberhafte Wendung erwarten. Am Ende gibt es keine heile Welt. Annika Reich betreibt keine Bedürfnisliteratur. Das Buch gibt uns stattdessen die Möglichkeit zu beobachten, wie tief die Sehnsucht nach Zugehörigkeit in den Charakteren steckt und wie viel sie dann doch davor flüchten. Dabei sind sich die Figuren teilweise selbst so fremd, dass man als Leser stärker als sonst in einen Beobachter-Modus einsteigt und das ganze wie ein soziologisches Experiment anschaut und also selbst vom Thema Distanz betroffen ist. Man wird gegenüber den Figuren quasi ein wenig beziehungsunfähig. Und damit ist das Kernthema des Buches eins zu eins auf den Leser übergesprungen. Das ist dann ein bisschen wie modernes Theater in Buchform.

Erschienen ist „Die Nächte auf ihrer Seite“ beim Carl Hanser Verlag.

Cover Reich Die Nächte auf ihrer Seite  Annika Reich
  Die Nächte auf ihrer Seite
  224 Seiten
  ISBN 978-3-446-24766-6



















Bildrechte Buchcover: © Carl Hanser Verlag
Bildquelle Titelbild (Bild bearbeitet): Flickr |brewbooks:"Eclipse Bookstore Bellingham"| cc by 2.0