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Dienstag, 29. September 2015, 00:00 Uhr

Buchtipp: „Der Ort“ von Andreas Maier

Eine Jugend in Friedberg

Andreas Maier schreibt von seiner ersten Liebe und jugendlicher Verwegenheit. Und dabei taucht man ganz tief in die fremde Welt der ersten revolutionären Selbstfindung ein.

„Ortsumgehung“ heißt der Romanzyklus, an dem Andreas Maier schreibt. Elf Teile hat er geplant. Darin will er sein Leben in der Wetterau umreißen. Nach „Das Zimmer“, „Das Haus“ und „Die Straße“ hat er sich jetzt mit „Der Ort“ den nächsten Raum erschlossen. Das Buch ist die Geschichte der ersten großen Liebe und des beginnenden jugendlichen Revoluzzertums. Und mit den ersten Seiten taucht man ab in eine Welt, in der sich das literarische Ich zum ersten Mal selbst erfindet.

Es ist die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein. Die Zeit, während der man damit beginnt, sich bewusst eine Persönlichkeit zuzulegen und sich gezielt von allem abgrenzt, was man als Fremdbestimmung empfindet. Andreas, der Ich-Erzähler des Romans, tritt diese Herausforderung an, indem er lange Spaziergänge macht und unendlich viel liest. Die Welten, die er sich in der Literatur erschließt, verschwimmen für ihn mit der Realität. Er trägt keinen Mantel, er trägt jetzt ein „Mäntelchen“ und fühlt sich dabei wie der Held in den Romanen von Dostojewski. Er sucht sich unbewusst Rituale und Einweihungsriten, die ihn aus seinen alten Gemeinschaften herausheben und neue Zugehörigkeiten markieren.

Es werden ziellose Spaziergänge durch den Ort getätigt, Weinflaschen im Schreibtisch gebunkert, Sonnenaufgänge zelebriert, Mahlzeiten ausschließlich halb gegessen und Kleidungsstücke vom Flohmarkt getragen. Aber es sind nicht nur romantische Gesten, mit denen sich Andreas aus der Welt der Kinder und Erwachsenen herausbewegt. Mit den regelmäßigen Besuchen des Jugendzentrums kommt auch ein undifferenziertes politisches Erwachen. Gegen den Ortsverband der CDU wird nicht gepöbelt, weil irgendeine Form von thematischer Auseinandersetzung stattgefunden hat. Vielmehr geht es um die Zugehörigkeit zu denen, die sich nicht in konservativen Parolen wiederfinden.

Für zehnseiten.de hat Andreas Maier den Beginn seines Romans vorgelesen, in dem auch das Projekt „Ortsumgehung“ noch mal kurz angerissen wird:



Andreas Maiers Roman erzeugt seine Stimmung durch den detailverliebten Blick seines Erzählers. Mit verträumter Selbstverständlichkeit fühlt er sich fremd in der Welt. Gleichzeitig verliert er sich in zart romantischen Posen, die aus Büchern entlehnt sind und ihn selbst zu etwas Fremdem machen. Ein wenig pubertäre Revolution macht ihn dabei wieder greifbar und holt das Ganze auf den Boden zurück. „Der Ort“ holt einen zurück in eine Zeit, in der man nicht mehr zuhause in der Welt ist und sie deshalb ganz neu entdecken kann. Kleine Dinge werden wieder wichtig, große Dinge scheinen daneben banal. Wer also noch mal diesen Teil seiner Teenagerjahre erleben oder nachholen möchte, ohne dabei dem eigenen Hormonhaushalt ausgeliefert zu sein, hat in Andreas Maiers viertem Teil des Ortsumgehungs-Zyklus einen wertvollen Begleiter gefunden.

Erschienen ist „Der Ort“ beim Suhrkamp Verlag.

Cover Maier Der Ort  Andreas Maier
  Der Ort
  154 Seiten
  ISBN: 978-3-518-42473-5



















Bildrechte Buchcover: © Suhrkamp Verlag
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