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Dienstag, 29. Dezember 2015, 00:00 Uhr

Buchtipp: „Die Auferstehung“ von Karl-Heinz Ott

Familienbande

Familie ist nicht nur ein behüteter Zufluchtsort. Familie ist auch der Ort für die größten Krisen, die dramatischsten Vertragsbrüche und die kaltblütigsten Abrechnungen.

Jakob Nido ist so langsam auf dem Abstellgleis des Medienbetriebs angekommen. Kaum ein Fernsehsender hat noch Interesse an seinen Porträts von historischen Persönlichkeiten. Als er einen Anruf seiner Schwester bekommt, die ihm vom Tod ihres Vaters berichtet, ist er grad in Paris, um einen Beitrag über Blaise Pascal zu drehen. Linda macht ihm ziemlich deutlich, dass er sich sofort in den Zug zu setzen hat, weil die Geschwister jetzt das Erbe zu retten haben. Und so treffen sich Jakob, Linda und ihr Mann Fred, Uli und seine Frau Franziska und Joschi in der Wohnung des Vaters. Die Lage ist unangenehm. Nicht, weil der Vater tot im Wohnzimmer liegt, sondern weil nicht ganz klar ist, ob einer von ihnen irgendwas vom Erbe zu sehen bekommt. Denn in den letzten Jahren gab es jede Menge Zoff.

Karl-Heinz Ott hat in „Die Auferstehung“ den privatesten Kriegsschauplatz inszeniert: Die Familie. Den großspurigen Idealen, denen die mittlerweile alt gewordenen Kinder früher nachgejagt sind, ist keiner wirklich gerecht geworden. Irgendwo haben die Kompromisse angefangen. Irgendwann hat die Realität die hochtrabenden Theorien eingeholt. Und dann kam der Tod der Mutter und der Tabubruch des Vaters, der angefangen hat, noch mal richtig die Sau rauszulassen. Und jetzt hocken alle ums Sofa, starren den Toten an und fragen sich, ob es irgendeinen Weg gibt, das Erbe zu sichern. Das wurde im Testament höchstwahrscheinlich der „ungarischen Hure“ versprochen, die sich der Vater als Pflegerin ins Haus geholt hatte. Denn diese „Pflege“ hat den alten Herren sehr viel zufriedener gestellt, als das unzureichende Interesse seiner Kinder. Wissen kann das nur das „Schwein“. Denn der Mann, der Linda vor einer Ewigkeiten die Verlobung versaut hat, ist jetzt der Anwalt, bei dem das Testament hinterlegt ist.

Den Anfang von „Die Auferstehung“ hat Karl-Heinz Ott für zehnseiten.de vorgelesen:



Die Abgründe, die sich in „Die Auferstehung“ auftun sind bodenlos. Nicht, weil wir hier eine Familie vorgesetzt bekommen, die gehässig und brutal ist, sondern weil keiner dem anderen die vielen Entscheidungen verzeihen kann, die nicht ins eigene Weltbild passen. Damit hat Karl-Heinz Ott einen Roman geschrieben, der die verdeckte Unerbittlichkeit zeigt, mit der ein Familienkonstrukt zu kämpfen hat. Und dieser Unwillen, besonders denjenigen ein eigenes Leben, eigene Maßstäbe und eigene Fehlentscheidungen zuzugestehen, die einem am nächsten sein sollten, wird am Totenbett noch mal so richtig schön aufgekocht. Ein Buch wie ein kleines Familienfegefeuer.

Erschienen ist „Die Auferstehung“ im Hanser Verlag.

Cover Ott Die Auferstehung  Karl-Heinz Ott
  Die Auferstehung
  352 Seiten
  ISBN: 978-3-446-24909-7



















Bildrechte Buchcover: © Hanser Verlag
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