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Mittwoch, 29. Juni 2016, 10:35 Uhr

Grün im Grau

Urban Gardening und seine Artverwandten

Hier kommt ein Tipp für alle, die sich immer das wünschen, was sie nicht haben können: Urban Gardening vereint Großstadtfieber und Landidylle, ohne sich zu sehr nach Kompromiss anzufühlen.

Urban Gardening - Was ist das jetzt genau? Grün im Grau, ganz platt gesagt. Für alle was: egal ob sie einfach nur Bock auf Kartoffeln haben oder mit einem Grashalm im Mundwinkel, schweißgebadet nach mehrstündigem Spargelstechen auf einem Heuballen liegen und von der Generhaltung und der regionalen Vermarktung örtlicher Kulturpflanzen träumen. Oder auch: das Beste, was einer rostigen Blechdose, einem alten Turnschuh oder einer ausrangierten Badewanne passieren kann.

UG collage
Bildquellen collage: flickr | _shoe_2 von Martin Lopatka | cc by 2.0 / flickr | bathtub von Matthew Buchanan | cc by 2.0


Jetzt mal von vorne, genauer gesagt: an die Erdoberfläche, wo der älteste Teil der Pflanze liegt. Der gefragte Quadratzentimeter befindet sich irgendwo in New York und dort landet in den 1970er Jahren in einem Akt von Bepflanzungsterrorismus die erste Seed Bomb, in der sich nicht nur ein echtes Samenkorn, sondern auch die Saat der Revolution gegen ein von der Industrie verunstaltetes Stadtbild und des aufkeimenden Wunsches nach Chlorophyll und Vitaminen versteckt. Der Regen fällt auf die amerikanische Großstadt, die Seed Bomb löst sich auf, und so blühen an ungeahnten Orten plötzlich zarte Pflänzchen als erste Vertreter des Guerilla Gardenings. Der Grundstein ist gelegt (beziehungsweise, das Beet geharkt) für eine Idee, deren Ableger heute als Urban Gardening in unzähligen Großstädten der Welt bekannt sind.

Der grüne Gründungsgedanke treibt Wurzeln in die Köpfe der Menschen. Und er fällt auf fruchtbaren Boden, denn die Sehnsucht nach frischem Gemüse ist in jeder Phase der Geschichte akut: in Kriegszeiten bepflanzen die Menschen ungenutzte Vorgärten, in von der Industrie ausgesaugten und dann vergessenen Großstädten der USA werden brach liegende Flächen zu Streuobstwiesen. Das ist das Schöne am Urban Gardening: Ein bisschen Trotz steckt irgendwie immer mit drin. Die Flächen sind kleiner und die Luft schlechter als auf dem Land. Aber das Zeug schmeckt super. Schon allein deshalb, weil es an einem Ort gewachsen ist, wo es das eigentlich gar nicht kann. Ha!


Botanik collage
Bildquellen Collage: flickr | Swallowtail Garden Seeds | cc by 2.0


Heute ist der Trend zum Eigenanbau und zum Biogemüse aus verschiedenen Gründen wieder stark spürbar. Auch in den egoFM Städten ist die Wohnung im 18. Stock kein Grund mehr, nicht im Dreck zu wühlen.

Weiter unten haben wir euch eine kleine Übersicht mit Gemeinschaftsgärten zusammengestellt. Aber zuerst werfen wir noch einen Blick nach Berlin, wo Lukas Dürr und Benedikt Abé mit ihrem Onlineshop Urban Kraut den Spieß rumdrehen: Mit ihren funktionalen und originellen Pflanzgefäßen bleibt auch auf 10m² Grau noch ein Fleckchen für's Grün. Die beiden bezeichnen sich als "fest im Großstadtdschungel verwurzelte Großstadtindianer", doch sie verbindet die Liebe zur Natur und der Bock auf eigenes Kraut. Noch dazu beweisen sie echten Geschmack beim Design und liefern statt klobiger Keramikkübel stapelbare Beetmodule, bunte Pflanztaschen und Überkopftöpfe. So wird jedes ungenutzte Fleckchen in der Wohnung zum begrünten Hingucker:

collage kraut 
Bildquellen Collage:
Urban Kraut


Gemeinschaftsgrün in den egoFM Städten
München:
28 Stadtgartenprojekte gibt es allein in München - einige davon befinden sich allerdings noch in der Planung. Die (G)Artenvielfalt der Landeshauptstadt ist beeindruckend: Frauengärten, Kulturgärten, Generationengärten. Einer der Treffpunkte für Pflanzen, Insekten und Gemüsehungrige ist zum Beispiel der Stadtgarten O’pflanzt is.

Augsburg:
In Augsburg warten außer den Bienen auch noch etwas größeres Fell- und Federvieh, buddeln und knuddeln kann man auf der Cityfarm.

Nürnberg:
Der Stadtgarten Nürnberg ist der größte unter vielen seiner Spezies in der egoFM Stadt.

Stuttgart:
Auf der Ebene Null in Stuttgart (ja, es ist das Dach eines Parkhauses) kann man beim Radieschengießen die Aussicht genießen.

Regensburg:
Die Gruppe Transition betreibt in Regensburg drei Stadtgärten mit dem Umweltschutz als oberstes Anliegen (da haben wir sie wieder, die Revolution!).

Würzburg:
In Würzburg ackern die Stadtgärtner dafür, die Stadt grüner und essbarer zu machen.

Bei der Onlinerecherche wird jedenfalls schnell klar: es gibt zu jeder Schaufel den passenden Acker. Ihr wollt den Weg zu euren Tomaten so kurz wie möglich halten? Ihr sucht einen ganz speziellen Themengarten? Hier findet ihr auf jeden Fall die richtige Grünfläche. Also: runter vom Schreibtisch und rein in die Gummistiefel! Es gibt immer was zu tun. Ob ihr beim Bohnen brechen gemeinsam mit anderen Besitzern eines (grau)grünen Daumens sensationelle Revolutionsgedanken kultivieren möchtet, dem Digital-Native-Nachwuchs den Unterschied zwischen Spinat und Mangold beibringen oder einfach nur mal den Spaten schwingen wollt… Gelegenheiten warten an jeder Hecke.


Bildquelle: flickr | Brick Child von stingerpk | cc by 2.0