Entdeckt
Gloucester Road Tube Station von Karoly Lorentey_flickr
Mittwoch, 31. August 2016, 05:05 Uhr

The Next Station

Oder: All eyes on… the sounds!

Londoner U-Bahnlärm gibt es jetzt online für die heimische Stereoanlage. Na, danke dafür! Aber beim genaueren Hinhören klingt das Projekt Cities and Memory gar nicht mal so schlecht.

Der Klodeckel im Badezimmer der ersten eigenen Wohnung: ach…damals! Der Schritt auf der drittletzten Treppenstufe: eindeutig Papa! Die Lieblingstasse auf dem Küchentisch: mmmh…Grüntee! Ein kleines Klicken, Quietschen oder Schaben, und schon reisen wir durch Raum und Zeit. Bäm, Erinnerungsflash!

Die Einwohner Londons können solche Fantasiereisen jetzt vom Sofa aus antreten. Denn nun (endlich) gibt es die Soundlandkarte vom Londoner U-Bahnnetz. Auf The Next Station kann man sich durch die Geräuschkulissen von über 55 U-Bahnhaltestellen hören. Äh….toll!

soundmap

Ehrlich mal, so ganz spontan würde uns kein überhörenswerterer Ort einfallen als die Londoner Tube. Dass das Gerumpel und Geratter Langzeitpendlern ernsthafte Gehörschäden zufügen kann, ist nicht mal ein Geheimnis. U-Bahnstationen klingen scheiße, sagen wir’s, wie es ist.

Das findet auf James Murphy, ehemaliges Mitglied des LCD Soundsystems. Er kämpft deshalb schon seit Ewigkeiten dafür, die dissonanten Piepstöne der Ticketstempel im New Yorker U-Bahnnetz durch angenehme Blobs und Boings zu ersetzen und so jeder Haltestelle ihr eigenes elektronisches Orchester zu schenken.
Allerdings beißt er sich an denen, die am Hebel der U-Bahn sitzen, die Zähne aus, denn die haben offenbar keinen Sinn für schönen Lärm.

Und genau da liegt das Problem, sagt Stuart Fowkes, der ein Herz für Geräusche hat und ihnen verhelfen möchte, in unserer von visuellen Reizen überfluteten Welt nicht mehr nur die unbeliebten kleinen Stiefgeschwister der Bilder zu sein. Er hat das Projekt Cities and Memory ins Leben gerufen. Es versammelt die Geräuschkulissen von Orten der ganzen Welt auf einer interaktiven Karte. Jeder Ort taucht einmal als unverfälschter und einmal als modifizierter Mitschnitt auf. Teilweise sind es namhafte Soundbastler, die sich ihrer Lieblingsorte annehmen und eine „Memory Version“ davon abmischen. Grundsätzlich kann aber jeder mitmachen, der Lust hat, sich mal an Sound Engineering zu versuchen. Das geht mit eigens aufgezeichneten und hochgeladenen Geräuschen, man kann sich aber auch einen Clip aus der Datenbank der noch unbearbeiteten Töne zuteilen lassen.

The Next Station ist als Teilprojekt dieser Klangweltkarte entstanden. An der Haltestelle Waterloo hat jemand die Klänge einer Straßenmusikkombo eingefangen und bearbeitet. Das klingt dann so:





Warum also nicht mal mit den Ohren verreisen? Irgendwie ziehen wir uns ja auch manchmal stundenlang die Ergebnisse der Google-Bildersuche zu „Karibik“ rein und entfliehen damit höchst effektiv unserer Couchkartoffelrealität. Und nach dem Urlaub erzählt kaum jemand, wie schön die Grillen gezirpt oder die Fische geblubbert haben. Oder wie schrill der Rauchmelder klang, als der Toaster durchgeschmort ist. Oder von der beinahe absoluten Stille auf der Bergwiese. Dabei könnten das genauso wertvolle Erinnerungstrigger sein wie die zweihundertsechundachtzig Selfies. Und dann statt Vintagefilter ein paar Soundeffekte drüber. So abwegig ist das doch eigentlich nicht.

collage karibik
Bildquellen Collage: flickr | South Caribbean von Carlo Cabanilla | cc by 2.0 / flickr | Caribbean sunset von O Palsson | cc by 2.0
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flickr | Barbados Caribbean von Travelbusy.com | cc by 2.0

Das Cities and Memory-Projekt gibt es, damit wir mal wieder mehr auf unsere Ohren hören. Wer schon mal in London war, kann ja mal die tägliche Fahrt zum Hotel nachhören, vielleicht kommen die Urlaubsgefühle zurück. Online klingt der Undergroundsound auch lange nicht so nervenzerreißend wie in echt. Aber es gibt auch viel leichter verdauliche Klangorte. Oder einfach mitmachen und die eigene Urlaubs- (oder Heimat-) erfahrung hochladen und nach Herzenslust zerbasteln. Die Idee von LCD Soundsystem-Mastermind James Murphy finden wir aber auch gut, und nach den Erkenntnissen aus Cities and Memory unterstützenswert. Hier könnt ihr seine Petition unterschreiben, auch wenn es vielleicht ein Kampf gegen Windmühlen bleibt. Die klingen übrigens auch sehr schön.

Bildquelle Titelbild: flickr | Gloucester Road Tube Station von Karoly Lorentey | cc by 2.0